Album „Secret Love“

Dry Cleaning: Gute Freunde, die zudem Musik machen

Musik
10.01.2026 06:00

Nach dem Senkrechtstart in der britischen Post Punk-Szene und Hunderten Liveshows über die letzten Jahre haben sich die britischen Spoken-Word-Fetischisten Dry Cleaning für das neue Werk „Secret Love“ mehr Zeit gelassen. Heraus kommt ein trippy Shoegaze-Werk, das schon zu Jahresbeginn ein erstes großes Highlight darstellt. Wir haben bei den vier guten Freunden nachgefragt.

kmm

An einem kühlen Septemberabend, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, standen Dry Cleaning vergangenen September auf der Bühne am Domplatz in St. Pölten. Der Großteil der Anwesenden war für die einzige Europa-Show der Dresden Dolls da, viele Connaisseure auch für die harsche Performance der fantastischen Jehnny Beth. Doch ohne das Post-Punk-Quartett aus Süd-London hätte der Abend nicht diese fantastische Gesamt-Indie-Magie gehabt, von der noch Wochen und Monate später Zeitzeugen untereinander sprechen sollten. Drei optisch unterschiedliche Musiker, die in recht stoischer Manier und ohne große Aufregung ihre Geräte bedienen, dazu Frontfrau Florence Shaw am Mikro. Bewegungslos, mit cooler Sonnenbrille und Spoken-Word-Texten, die von Humor über eigene Erfahrungen bis hin zum Surrealismus reichen. Eine trockenere und gleichzeitig interessantere Band findet man im gut gefüllten britischen Post-Punk-Fischteich derzeit nicht – auch wenn der Sound auf dem brandneuen Drittwerk „Secret Love“ schon deutlicher davon abrückt.

Ein royaler Durchbruch
Kurzer Rückblick: Die vier guten Freunde spielten allesamt in diversen kleinen Bands, finden als Dry Cleaning aber 2017 zusammen. Nur Shaw hatte bis dahin noch nicht viel mit Musik am Hut. Sie schreibt Texte maximal in Notizblöcke, ist ansonsten aber im grafischen und visuellen Bereich tätig. Im Proberaum spielt man Post Punk- und New Wave-Licks, Shaw predigt dabei sprechend ihre Texte herunter und versucht erst gar nicht, ein gesanglich aktiver Teil der Band zu werden. Das ist zwar ungewöhnlich, funktioniert aber. Auf der ersten EP „Sweet Princess“ (2018) befindet sich auch schon der Durchbruchssong. „Magic Of Meghan“ beruft sich auf Shaws Erfahrung nach einer Trennung. Sie zog an dem Tag aus der Wohnung ihres Ex aus, als Meghan Markle und Prinz Harry heirateten. Im Schnelldurchlauf folgten die beiden ersten Alben „New Long Leg“ (2021) und „Stumpwork“ (2022), die nicht nur in Großbritannien, sondern auch am Festland-Europa für Aufregung sorgen. Die fast schon verweigernde musikalische Haltung ertönt in ihrer Leidenschaftslosigkeit so leidenschaftlich, wie man es nur von britischen Lads bekommen kann.

„Es ging alles wie im Rausch“, erzählt die Band der „Krone“ im gemeinsamen Interview, „es ging rasant, mit den vielen Konzerten und der Tatsache, dass immer mehr Menschen unsere Musik hörten. Wir hatten gar keine Zeit, um das zu reflektieren oder uns Gedanken darüber zu machen.“ Dry Cleaning war es – auch aufgrund der unzähligen Live-Shows, die man quasi seit Corona-Ende ohne Unterlass spielt – wichtig, sich für das Drittwerk Zeit zu lassen und an Schrauben zu drehen. Erstmals ist ihnen etwa nicht mehr Haus- und Hof-Produzent John Parish zur Seite gestanden, stattdessen nahm man bei Wilco-Legende Jeff Tweedy, ein deklarierter Fan der Band, in Dublin und schlussendlich in Frankreich bei Indie-Topproduzentin Cate Le Bon auf, die sich ihre Meriten mit hochklassigen Arbeiten u.a. für Deerhunter, Devendra Banhart, Horsegirl und eben Wilco verdient hat. Tweedy hat die walisische Klangtüftlerin auch mit den trockenhumorigen Briten bekannt gemacht und das Ergebnis kann sich hören lassen.

Bekömmliche Sound-Melange
„Das neue Album klingt am ehesten so, wie ich mir den Sound von Dry Cleaning eigentlich immer vorgestellt habe“, freut sich Shaw darauf, dass die Musik jetzt auch bei den Menschen da draußen ankommt, „wir alle haben in letzter Zeit mehr Ambient-Musik und Shoegaze gehört, sind ein bisschen weggegangen von den Post Punk-Vorlieben, die wir noch vor einigen Jahren hatten. Ich wollte immer etwas ,trippiger‘ klingen, mehr Flächen in unserem Sound haben und das hat Cate gemeinsam mit uns grandios umgesetzt.“ Manche Songs klingen so simpel wie Kinderlieder, anderen geben Synthesizern viel mehr Raum als früher und auf „My Soul Half Print“ ließ sich Tweedy selbst zu einem Gastgitarrenauftritt überreden. „Secret Love“ ist musikalisch, als auch vom markanten Cover-Artwork her gesehen ein künstlerisches Gesamtprodukt, bei dem die Zahnräder perfekt ineinandergreifen und das in Songs wie „Hit My Head All Day“, „Evil Evil Idiot“ oder „Let Me Grow And You’ll See The Fruit“ Humor, Romantik und Alltagsbanalität erneut in eine bekömmliche Melange verwandelt.

Wenn man den vier Vollblutkünstlern gegenübersitzt, versteht man die besondere Magie, die sich in ihrer Musik versammelt. Der eine kann den angefangenen Satz des anderen beenden, während alle durcheinander lachen und mit Popkultur-Referenzen und Insider-Schmähs in ihre eigene Welt abdriften. „Wenn Bands für gewöhnlich monatelang auf Tour sind, dann können sie es gar nicht erwarten, endlich voneinander loszukommen und Ruhe zu haben“, lacht Bassist Lewis Maynard, „wir steigen aus dem Tourbus aus, gehen nach Hause, um die Wäsche in die Maschine zu werfen und fragen uns dann in der WhatsApp-Gruppe, wo wir denn alle zu Abend essen gehen. Es ist für uns einfach das Natürlichste auf der Welt, Zeit miteinander zu verbringen.“ Für Frontfrau Shaw ist das auch ein Grund, warum im Kreativprozess so viel weitergeht. „Das ist die erste Band, die ich kenne, in der jedes einzelne Mitglied zu 100 Prozent Songwriter ist. Ohne Ausnahme, da ist kein Platz für ein überbordendes Ego.“ Diese völlige Gleichförmigkeit auf allen Positionen ist sicherlich für die spezielle Energie der Band verantwortlich.

Drei gemeinsame Säulenheilige
Über die mittlerweile knapp zehn Jahre hat man aber auch so einiges gelernt, wie sich Gitarrist Thomas Paul Dowse schmunzelnd erinnert. „Wir haben einmal einen guten Abend im Pub verbracht, dann ein paar Songs geschrieben und geglaubt, sie wären die besten der Welt. Einen Tag später und ausgenüchtert wollten wir sie aufnehmen – na ja, breiten wir lieber den Mantel des Schweigens darüber.“ So eklektisch wie „Secret Love“ stellenweise klingt, so verschieden sind auch die Geschmäcker innerhalb der Band. Auf drei Acts können sich aber alle vier Mitglieder einigen. Die New-Wave-Helden Devo, die Kultrocker The B-52s und das allererste Album von Interpol. Und wie wichtig die zwischenmenschliche Komponente in der Band ist, beweist Shaws abschließende Analyse. „Gute Ideen und der richtige Humor sind bei uns wichtiger als besonders gute Fähigkeiten. Wir alle wissen, dass wir nicht die besten Musiker sind, aber wir alle haben einen guten Geschmack und können uns darauf verlassen.“ Hoffentlich gibt’s auch bald wieder eine Live-Geschmacksprobe in Österreich.

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