02.04.2014 10:20 |

Gedenken an Opfer

20 Jahre nach Genozid: Ruanda hat Vergeben gelernt

Genau 20 Jahre ist es her, dass Ruanda in Horror und Blut versank. Der Völkermord schadet dem Ruf des Landes bis heute. Aber die Bevölkerung blickt nach vorne. Das Land ist zum Vorbild geworden. Glasfaserkabel symbolisieren die Moderne.

Wo ist all der Hass geblieben? Diese Frage kommt jedem, der heute Ruanda besucht, unwillkürlich in den Sinn. Erst 20 Jahre ist es her, dass in dem kleinen Land zwischen den Regenwäldern des Kongos und den Savannen Tansanias eines der brutalsten Verbrechen aller Zeiten seinen Anfang nahm.

Mehr als 800.000 Tutsis und gemäßigte Hutus wurden in nur 100 Tagen getötet, regelrecht hingemetzelt von den regierungsnahen Interahamwe-Milizen, die mit Macheten, Äxten, Speeren und Knüppeln im Einsatz waren. Manche sprechen von einer Million Opfern. Das Ausmaß dieser Apokalypse ist im 20. Jahrhundert nur mit wenigen anderen Massenmorden vergleichbar - darunter dem Holocaust und den Killing Fields der Roten Khmer in Kambodscha.

Malerisches "Land der tausend Hügel"
Und heute? Ruanda hat sich zum Vorzeigestaat Ostafrikas gemausert und ist ein sauberes, ein sicheres, ein geradezu malerisches "Land der tausend Hügel". Schon am Flughafen müssen Einreisende sämtliche Plastiksackerl abgeben. Diese sind seit 2008 im ganzen Land verboten. Das ist einzigartig auf dem Kontinent.

Die Menschen leben umweltbewusst und friedlich, manchmal wirkt die Ruhe, die selbst die Hauptstadt Kigali ausstrahlt, geradezu unwirklich. Das tropische Ruanda ist im Jahr 2014 in wahrsten Sinne des Wortes ein grünes Land, das den Anschluss an den Rest der Welt sucht und dabei ist, sich als Zentrum der IT-Branche für die ganze Region zu etablieren.

Nicht genügend Aufmerksamkeit für Vorboten der Katastrophe
Aber damals, in jenen verhängnisvollen Monaten des Jahres 1994, gab es in Ruanda keine Computer und keine Mobiltelefone - und alle Hilferufe an die Weltgemeinschaft und an die Vereinten Nationen verhallten ungehört. "Weder das UNO-Sekretariat, noch der Sicherheitsrat, die Mitgliedsstaaten oder die Medien haben den Vorboten dieser Katastrophe genügend Aufmerksamkeit gewidmet", gab der damals für UNO-Friedenseinsätze zuständige Untergeneralsekretär Kofi Annan erst viel später zu. "Die internationale Gemeinschaft hat in Ruanda versagt."

Für die meisten, die sich in Europa abends die Bilder der verstümmelten Opfer in den Fernsehnachrichten ansahen, handelte es sich nur um einen weiteren blutigen Bürgerkrieg in Afrika, um namenlose Schwarze, die in einem weit entfernten Land am Äquator schlimme Massaker begingen. Die Hintergründe blieben unklar, das Ausmaß des Leidens war nicht greifbar. Aber die Menschen, die dort litten, hatten Namen, sie hatten Familien, Hoffnungen, Träume.

Keine ethnische Spaltung mehr
Eines haben die Überlebenden nun alle gemein: Die Worte "Tutsis" und "Hutus" wollen sie nicht mehr benutzen. Höchstens sprechen sie von den "T" und den "H", aber auch das nur widerwillig. "Heute lernen die Kinder bereits in der Schule, dass wir alle Ruander sind und es keine ethnische Spaltung gibt", erklärt Richard.

Die belgische Kolonialmacht hatte einst der Bevölkerung eine institutionelle Festschreibung der Ethnien in ihren Personalausweisen vorgeschrieben. Spannungen zwischen der Hutu-Mehrheit, die überwiegend aus Bauern bestand, und der traditionell als Viehhirten tätigen Tutsi-Minderheit waren auch vorher schon sporadisch vorgekommen. Aber mit der aufgezwungenen klaren Zuordnung zu einer "Rasse" eskalierten die Streitigkeiten immer mehr. Bereits 1959 kam es zu einer ersten Tutsi-Flüchtlingswelle in die Nachbarländer.

"Wir werden damit beginnen, den inneren Feind zu beseitigen"
Anfang der 1990er-Jahre beschloss die Hutu-Regierung, das "Tutsi-Problem" ein für alle Mal zu lösen. Es ging nicht um einen einfachen Sieg über die Minderheit, es ging darum, sie komplett auszulöschen. Das Vorhaben wurde von langer Hand durch eine gut funktionierende Propaganda-Maschinerie vorbereitet.

Im Radio wurden die Tutsis als "Kakerlaken" und "Gewürm" beschimpft. Der Journalist Hassan Ngeze rief den Menschen im beliebten Sender "Radio Television Libre des Mille Collines" zu: "Wir werden jetzt damit beginnen, den inneren Feind zu beseitigen. Er wird verschwinden." Todeslisten wurden angelegt, mit den Namen von Tutis und oppositionellen Hutus, die umgehend eliminiert werden sollten.

Präsidenten-Flugzeug abgeschossen: Start des Völkermordes
Alle spürten, dass etwas passieren würde, etwas Drastisches, etwas, das die Vernichtung der Tutsis rechtfertigen würde. Am 6. April 1994 geschah es: Das Flugzeug des Präsidenten Juvenal Habyarimana, der mit seinem burundischen Amtskollegen Cyprien Ntaryamira unterwegs war, wurde über der Hauptstadt Kigali von einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen.

Wer für die Tat verantwortlich ist, bleibt ungeklärt. Sicher ist, dass sie der offizielle Startschuss für die schwer bewaffneten Hutu-Milizen war, um ihr Völkermord-Vorhaben in die Tat umzusetzen. Bis Mitte Juli wüteten sie in allen Landesteilen wie in einem blutigen Rausch.

Tutsi-Rebellenarmee gelangen Erfolge
Dann jedoch gelangen der Tutsi-Rebellenarmee Ruandische Patriotische Front immer größere militärische Erfolge, bis sie unter Führung von Paul Kagame das Land unter Kontrolle brachte. Seit 2000 ist Kagame Päsident Ruandas. Obwohl der 56-Jährige nicht unumstritten ist und viele seinen Regierungsstil als diktatorisch anprangern, ist er im Land sehr beliebt.

Heute steht Kagame an der Spitze einer Minderheitsregierung, die alle Volksgruppen berücksichtigt. Mit einem Programm aus dem Jahr 2000 will er den Agrarstaat Ruanda bis 2020 wettbewerbsfähig machen, IT-Parks bauen und die Infrastruktur verbessern. Viel ist schon geschehen. Weite Landesteile sind bereits an das Glasfasernetz angeschlossen und allerorts werden Funkmasten errichtet. Kigali glänzt mit gläsernen Bankgebäuden, ein Konferenzzentrum ist in Bau.

Gedenken am 7. April
Dennoch ist das fruchtbare Tropenland noch weitgehend von der Landwirtschaft abhängig. Bei allem Fortschritt bleibt die Landbevölkerung wie so oft zurück. Am 7. April - dem 20. Jahrestag des Beginns des Völkermordes - werden aber Bürger aus allen Schichten und Landesteilen der Opfer von 1994 gedenken. Denn der Genozid machte keinen Klassenunterschied, fast alle in Ruanda sind bis heute auf die eine oder andere Art betroffen.

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