Fr, 17. August 2018

"Plan aus Wien"

07.01.2014 16:38

Serbien "beweist" Unschuld am Ersten Weltkrieg

Serbien ist es leid, als Mitverursacher des Ersten Weltkriegs abgestempelt zu werden. Das hat die Staats- und Regierungsspitze wiederholt klargemacht. Der Balkanstaat will auch nicht hinnehmen, dass der serbische Nationalist Gavrilo Princip, der im Juni 1914 in Sarajevo den Habsburger Thronfolger Franz Ferdinand ermordete, als Terrorist in die Nähe von Al-Kaida gerückt wird. Jetzt will das Land "seine Wahrheit" zum Krieg vorlegen.

Der international renommierte serbisch-bosnische Regisseur Emir Kusturica will dazu einen Dokumentarfilm drehen, kündigte er am Sonntag an. Gleichzeitig stellte er ein Dokument aus dem Belgrader Staatsarchiv vor, das Serbien von allen Vorwürfen reinwaschen solle. Es handelt sich um einen Brief des damaligen Wiener Militärgouverneurs in Bosnien, Oskar Potiorek, an Finanzminister Leon Bilinski vom 28. Mai 1913.

Darin werde deutlich, dass das Habsburgerreich bereits ein Jahr vor Kriegsbeginn die große militärische Auseinandersetzung geplant habe, berichteten serbische Historiker. "Das ist unsere Antwort auf den Versuch, die Geschichte umzudeuten", begründete Kusturica als Vorsitzender des serbischen Vorbereitungskomitees zum 100. Jahrestag des Weltkriegsausbruchs den Schritt.

"Wien hat schon 1913 den Krieg geplant"
Die serbischen Medien jubelten. "Die Österreicher haben den Ersten Weltkrieg ein Jahr vor dem Mord an Ferdinand geplant" und "Wien hat schon 1913 den Krieg geplant", titelten die beiden größten Zeitungen "Novosti" und "Blic". "Wir sind nicht schuld am Krieg. Potiorek hat den Schlag gegen Serbien ein Jahr vor dem Attentat geplant", ging "Telegraf" noch einen Schritt weiter.

Der Brief sei "eine Primärquelle und eine der bedeutendsten Quellen zur Erforschung der Kriegsschuldfrage", behauptete Archiv-Direktor Miroslav Perisic. Allerdings sei er bisher von allen "revisionistischen Historikern totgeschwiegen" worden, weil sie sonst die Auslösung des Weltkrieges nicht auf "Serbien und Russland" abschieben hätten können.

Kopfschütteln in der Fachwelt
In der internationalen Fachwelt löste das Staatsarchiv mit seinem Schritt nur Kopfschütteln aus. Der Brief sei "nichts Großartiges", reagierte einer der bekanntesten Weltkriegskenner, der österreichische Historiker Manfried Rauchensteiner, und: "Wieso der Brief je in Belgrad gewesen sein soll, ist mir schleierhaft."

Dazu lieferte das Staatsarchiv diese Erklärung: Man verfüge über eine etwa 1930 angefertigte maschinengeschriebene Abschrift des handschriftlichen Briefes. Dann gingen die Archivare auf Tauchstation. Archivdirektor Perisic ließ sich vor Journalisten verleugnen, die nach dem Abschriftsoriginal in deutscher Sprache fragten. Denn das Staatsarchiv hatte lediglich eine serbische Übersetzung vorgelegt.

Brief wohl "frei interpretiert"
Und schon in der Übersetzung steht so ziemlich das Gegenteil dessen, was ihm Serbien zuschreibt. Zwar spricht der Wiener Militärgouverneur von einem "unausweichlichen Krieg in einigen Jahren" und dass man "Serbien niemals zu einem verlässlichen Freund machen kann", weil das Land "in jedem künftigen Krieg offen und erbittert auf der Seite unserer übrigen Feinde kämpfen wird".

Allerdings müsse man Serbien "dadurch ungefährlich machen, dass die Monarchie wenigstens ein Handels-, Zoll- und Militärabkommen" mit diesem Balkanland schließe, schlägt der Offizier vor.

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