Leben im Castro-Haus

Knight: Nackt, in Ketten und in ständiger Angst

Ausland
06.11.2013 16:20
Sie war nackt, wurde regelmäßig vergewaltigt, misshandelt und bedroht. Im ersten Jahr durfte sie nur einmal unter die Dusche: Elf Jahre lang war Michelle Knight ihrem Entführer Ariel Castro in dessen Haus in Cleveland ausgeliefert - später kamen zwei weitere junge Frauen hinzu. Am Dienstag schilderte Knight im Sender CBS erstmals den alltäglichen Horror mit Castro, bevor sie und ihre beiden Schicksalsgenossinnen im Mai freikamen.

Immer wieder kämpft die 32-Jährige gegen ihre Tränen an, trotzig streckt sie das Kinn hoch, während sie sich durch das Interview mit dem Psychologen Phil McGraw kämpft. Die zierliche Frau war die Einzige, die sich während des Prozesses gegen Castro äußerte und die Erste, die sich einem Interview stellte.

Knight war das erste Opfer des arbeitslosen Busfahrers. Er kidnappte die damals 21-Jährige auf der Straße: "Er dachte, ich wäre eine 13-jährige Prostituierte. Als er mein wahres Alter herausfand, war er wütend", erzählt sie. Angelockt hat er die junge Frau unter einem Vorwand - er wollte ihr Welpen zeigen, die er angeblich in seinem Haus hatte. Gutgläubig folgte ihm Knight, und damit begann mehr als ein Jahrzehnt der Folter, der Vergewaltigung und des Hungers.

"Ich flehte ihn an, nicht auch noch andere hierher zu holen"
Am Anfang setzte sich Knight kaum zur Wehr, sie habe nach eigenen Angaben nicht gewusst, was mit ihr passiert. Außerdem sei der Schock einfach zu groß gewesen, weshalb sie die meiste Zeit nur weinte und Castro anbettelte, dass er sie zu ihrem Sohn zurücklasse.

Knight war 21 Jahre alt, als sie als vermisst gemeldet wurde. Die anderen beiden Frauen, Amanda Berry und Gina DeJesus, kamen erst nach ihr in die Fänge des Entführers. Knight wurde allerdings in dessen Pläne einbezogen. "Ich habe ihn angefleht, nicht auch noch andere hierher zu bringen und sie durch die Hölle gehen zu lassen, so wie mich." Aber Castro erzählte weiter, auch von seinem Vorhaben, andere Frauen zu missbrauchen – und dass er es bereits getan und zudem ein Mädchen sogar getötet habe.

Noch zwei Frauen entführt, Martyrium endete erst im Mai
Ein Jahr später entführte Castro dann die damals 16-jährige Berry, im Jahr 2004 schließlich die 14-jährige DeJesus. Das jahrelange Martyrium endete erst am 6. Mai 2013, als Berry mit ihrer in der Gefangenschaft geborenen Tochter und mithilfe eines Nachbarn fliehen konnte und die Polizei alarmierte.

Anfang August wurde der 53-jährige Peiniger der drei Frauen zu lebenslanger Haft plus tausend Jahre verurteilt, einen Monat später wurde er erhängt in seiner Zelle aufgefunden. In seinem inzwischen abgerissenen Haus entdeckten die Ermittler insgesamt 42 Kilogramm Ketten.

"Er wickelte mir die Ketten um den Hals und fesselte mich"
In dem Interview erzählte Knight, wie Castro die Ketten einsetzte: "Er wickelte sie mir um den Hals und fesselte mich. Er sagte: 'Wenn ich es zu eng ziehe, wirst du sterben. Das bedeutet, Gott wird dich zu sich nehmen.'" Oft musste sie tagelang gefesselt im Keller verbringen – manchmal setzte Castro ihr auch noch einen Motoradhelm auf, sodass sie kaum atmen konnte.

Die Gefangenschaft schweißte die Frauen zusammen, und ein Freund der Opfer berichtete, dass sich Knight um die anderen beiden Frauen kümmerte. Für Castro war sie allerdings der "Boxsack", sie wurde offensichtlich am meisten gequält. Die Gerichtsakten beschreiben, wie er mit Schlägen und Nahrungsentzug fünf Schwangerschaften vorzeitig beendete. Die erste Fehlgeburt erlitt sie, nachdem er ihren Bauch mit einer Hantel traktiert hatte.

Immer wieder wurde die junge Frau brutal vergewaltigt und geschlagen, hinzu kamen ständige Drohungen. "Ich weinte jeden Tag, und dann schrie er mich an: 'Du sollst nicht flennen, Du sollst glücklich sein.'" Wenn Besucher kamen, habe ihr Castro eine "schmutzige, ekelige Socke" in den Mund gesteckt und diesen mit Klebeband verklebt.

"Er sagte mir immer wieder, ich bräuchte keine Kleider"
Als ihr Kidnapper zum ersten Mal Knight und Berry zusammenbrachte, schämte sich die Ältere, weil sie außer einer Decke nichts besaß, um ihren nackten Körper zu bedecken - und weil sie bis dahin nur einmal geduscht hatte. "Er sagte mir immer wieder, ich bräuchte keine Kleider. Er sagte: 'Du bist nur für das Eine hier.'" Castro schloss die beiden Frauen in getrennten Zimmern ein. Wenn sie sich sahen, dann nur unter seiner Beobachtung. DeJesus' Schreie aus dem Keller verrieten ihr dann, dass Castro ein drittes Opfer gefunden hatte.

Für kurze Zeit wurde Castro etwas menschlicher zu seinem ersten Entführungsopfer: Er erlaubte ihr einen Hund - bis dieser sein Frauchen beschützen wollte und ihren Peiniger biss. "Vor meinen Augen brach er meinem Hund das Genick. Ich hörte nur noch ein Winseln - dann war er tot".

Nur die Gedanken an ihren Sohn hielten Knight am Leben
Auf die Frage, ob sie nicht manchmal an Selbstmord gedacht habe, schüttelte die zierliche Frau den Kopf. Sie habe an ihren Sohn gedacht, der zum Zeitpunkt ihrer Entführung zwei Jahre alt war, und das habe ihr die Kraft durchzuhalten gegeben, sagte sie. "Mein Sohn sollte wissen, dass ich eine Siegerin bin und kein Opfer. Er soll wissen, dass ich überlebte, weil ich ihn liebte. Seine Liebe ließ mich alles durchstehen."

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