Gerhart Baum

Der ehemalige deutsche Innenminister ist tot

Außenpolitik
15.02.2025 15:54
Porträt von krone.at
Von krone.at

Er war von der Sorte Politiker, die nicht in erster Linie das eigene Fortkommen antreibt, sondern unverbrüchliche Überzeugungen. Nun ist der frühere deutsche Innenminister und sozialliberale FDP-Politiker Gerhart Baum im Alter von 92 Jahren verstorben.

Am Ende seines Lebens musste sich der überzeugte Demokrat und Menschenrechtsanwalt eingestehen, dass westliche Werte unter Druck standen. „Weltweit schwächeln die Demokratien“, räumte er ein. Das war ihn für ihn aber kein Grund zur Resignation, sondern Ansporn zum Weiterkämpfen. Was Deutschland betraf, wandte er sich gegen Schwarzseherei: „Wir haben immer noch eine stabile Demokratie und keine gespaltene Gesellschaft. Reden wir uns das nicht ein. Wir haben Gefährdungen der Freiheit, vor allem durch Rechtsextremismus, das nehme ich sehr ernst. Aber immer noch haben wir eine sehr starke, geglückte Demokratie.“

Baum gehörte neben seinem im März 2020 gestorbenen Freund Burkhard Hirsch zur zuletzt kleinen Gruppe sozialliberaler FDP-Mitglieder, die sich zusammen mit Hildegard Hamm-Brücher und dann auch mit Sabine Leutheusser-Schnarrenberger im Freiburger Kreis zusammenschlossen. Das bedeutete quasi linksliberale Opposition in der eigenen Partei.

Gerhart Baum
Gerhart Baum(Bild: APA/AFP/INA FASSBENDER)

Innenminister unter Helmut Schmidt
Von 1978 an war Baum vier Jahre lang deutscher Innenminister unter SPD-Kanzler Helmut Schmidt – in der Zeit des RAF-Terrors. Nach der Wende der FDP von der SPD zur Union 1982 war die sozialliberale Koalition am Ende. Etliche – vor allem junge – FDP-Mitglieder verließen damals die Partei. Baum blieb und war von 1982 bis 1991 noch FDP-Vize.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag arbeitete er wieder als Rechtsanwalt. Bis zuletzt führte er – unter anderen zusammen mit Hirsch und Leutheusser-Schnarrenberger – erfolgreiche Verfassungsbeschwerden gegen staatliche Überwachung: gegen den Großen Lauschangriff, die Vorratsdatenspeicherung oder das Luftsicherheitsgesetz von Rot-Grün zum Abschuss entführter Passagiermaschinen.

Baum, geboren am 28. Oktober 1932, stammte aus dem Dresdner Bildungsbürgertum. Vater und Großvater waren ebenfalls Rechtsanwälte. Die Mutter, eine Russin, floh mit den Kindern nach der Bombardierung Dresdens im Februar 1945 an den Tegernsee. 1950 zog die Familie nach Köln.

Harte Arbeit – bis zum Schluss
Bis fast zuletzt hat Baum jeden Tag gearbeitet. Mit 89 Jahren vermittelte er noch eine seit langem vergeblich angestrebte Einigung zwischen den Hinterbliebenen der israelischen Opfer des Münchner Olympia-Attentats von 1972 und der deutschen Regierung. Daneben vertrat er russische Zwangsarbeiter und Angehörige und Opfer eines Flugschau-Unglücks auf dem US-Militärflugplatz in Ramstein. Auf einer Parkbank sitzen oder den Hund ausführen – das sei nichts für ihn, gab er kurz vor seinem 90. Geburtstag gegenüber der Deutschen Presse-Agentur zu.

Wenn man mit ihm sprach, machte er immer den Eindruck, in Eile zu sein. „Fangen wir an!“, sagte er dann. Für Small Talk war kein Platz, das war verplemperte Zeit.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Außenpolitik
15.02.2025 15:54
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs

Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.

Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.

Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.

Top 3
Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung