Suche nach Motiv

Erfolg bei Jagd auf Boston-Attentäter verdeckt Pannen

Ausland
21.04.2013 08:18
Die Erleichterung stand US-Präsident Barack Obama ins Gesicht geschrieben. Trotz Müdigkeit und Erschöpfung trat er noch in der Nacht auf Samstag vor die Kameras. Nur kurz zuvor war eine der größten Verbrecherjagden in der US-Geschichte zu Ende gegangen. Der 19-jährige Verdächtige des Terroranschlags auf den Boston-Marathon wurde schwer verletzt festgenommen, sein 26-jähriger Bruder war in der Nacht zuvor erschossen worden. Der Erfolg bei der Jagd auf das Duo verdeckt jedoch einige Pannen, während die Suche nach dem Motiv weitergeht.

Es war die Stunde des Präsidenten, die Stunde des Krisenmanagers. Die rasche Festnahme war ein Glücksfall - auch für den Präsidenten. "Wir haben ein wichtiges Kapitel in dieser Tragödie geschlossen", sagte Obama. Der Präsident weiß: Der Terroranschlag war eine der schwersten Herausforderungen seiner Amtszeit - und sie hätte ganz anders enden können. Die rasche Festnahme des zweiten Terrorverdächtigen war nichts anderes als reiner Zufall.

Tatsächlich mutete die Verfolgung der beiden Brüder aus Kirgistan mit tschetschenischen Wurzeln über weite Strecken wie der ungleiche Kampf zwischen David und Goliath an. Das Foto des 19-jährigen Dzhokhar Tsarnaev zeigt einen Jüngling mit dunklen Locken und sanftem Blick - eher ein Jugendlicher als ein Mann. Ist das wirklich ein Gegner, der die USA herauszufordern vermag? Ein Megaaufgebot von 9.000 Polizisten war mobilisiert, um ihn zu fassen - und wäre doch beinahe grandios gescheitert.

Verdächtigen bei erster Durchsuchung "übersehen"
Nicht nur Obama, auch das FBI und die Medien decken gnädig einen Mantel des Schweigens über die Fahndungspanne. Denn das Grundstück, auf dem der 19-Jährige am Freitagabend schließlich umzingelt und gefasst wurde, war bereits zuvor durchsucht worden - ohne Ergebnis.

Die Polizei hatte praktisch im gesamten Großraum Boston den Ausnahmezustand verhängt: Es herrschte Ausgangssperre, der Verkehr war lahmgelegt. Doch erst ein Hausbesitzer, der in seinem Garten Blutspuren entdeckte, setzte die Polizei auf die richtige Spur. Wieder einmal war es also "Kommissar Zufall", der eine Blamage der Behörden verhinderte. 

Der junge Mann, der sich unter einer Plane in einem Boot versteckt hatte, war derart schwer verletzt, dass er sich praktisch nicht mehr wehren konnte. Trotzdem habe er noch um sich geschossen. Doch nach laut Polizei etwa 20-minütigen "Verhandlungen", bei denen der 19-Jährige allerdings "nicht viel gesagt" habe, gab der Verfolgte auf. "Er tat das, was wir ihm befohlen hatten, stand auf und hob sein Hemd hoch", sagte der Polizeichef von Watertown, Edward Deveau. Die Polizei wollte so sehen, ob der Verdächtige Sprengstoff bei sich trug.

Verletzter Bruder kann noch nicht sprechen
Der Zustand von Dzhokhar Tsarnaev ist nach Angaben des Gouverneurs von Massachusetts, Deval Patrick, "ernst, aber stabil". Er sei jedoch noch nicht in der Lage zu sprechen, sagte Patrick am Samstag vor dem Baseballstadion der Red Sox, in dem in einer Schweigeminute der Opfer der Bombenanschläge und des am Donnerstag erschossenen Polizisten gedacht wurde. Patrick fügte hinzu, er hoffe, der 19-Jährige werde überleben: "Wir haben Millionen von Fragen, und diese Fragen müssen beantwortet werden."

Die Polizei nimmt an, dass die Wunden von einem Schusswechsel bei einer Verfolgungsjagd in der Nacht zuvor stammen. Bei der Schießerei war auch Tamerlan schwer verwundet worden - und auf der Flucht soll Dzhokhar nach Polizeiangaben seinen sterbenden Bruder noch mit dem Auto überfahren haben.

FBI überprüfte älteren Bruder im Jahr 2011
Trotz Jubel und Erleichterung: Obama ist sich bewusst, dass viele Fragen offen bleiben - nicht nur, was die direkte Fahndung angeht. "Warum haben junge Männer, die hier aufgewachsen sind und studiert haben, zu so starker Gewalt gegriffen?", fragte der Präsident noch in der Nacht.

Irritierend ist nicht nur die Tatsache, dass die Justizbehörden dem älteren Bruder Tamerlan bereits 2011 auf der Spur waren. Eine nicht genannte ausländische Regierung habe damals um Überprüfung des Mannes gebeten. Doch das FBI sei zu keinen Erkenntnissen gekommen. Dabei heißt es jetzt, der heute 26-Jährige habe sich seinerzeit radikalisiert, sei zum islamistischen Eiferer geworden. War auch das schon eine Fahndungspanne gewesen? 

Vergangenes Jahr in Russland radikalisiert?
Demnach soll Tamerlan Tsarnaev "Anhänger eines radikalen Islam" gewesen sein und sich darauf vorbereitet haben, die USA zu verlassen, um sich Untergrundorganisationen anzuschließen. Laut FBI ergaben die Befragung von Tsarnaev und dessen Familie sowie die Überprüfung von Reisedokumenten, Internetverkehr und persönlichen Kontakten damals allerdings keine Anzeichen einer "terroristischen Aktivität".

In US-Medien wurde darüber spekuliert, dass sich der ältere Bruder während eines mehrmonatigen Aufenthalts in Russland im letzten Jahr radikalisiert und seinen jüngeren Bruder beeinflusst haben könnte. Die Familie war offenbar in den 1990er-Jahren vor den Kriegen in Tschetschenien zwischen russischen Truppen und islamistischen Unabhängigkeitskämpfern aus der Kaukasus-Republik geflüchtet. Nach einem Aufenthalt in Zentralasien kamen sie vor etwa zehn Jahren in die USA. Dzhokhar wurde Medienberichten zufolge im vergangenen Jahr US-Staatsbürger, Tamerlan hatte eine Aufenthaltsgenehmigung.

Eltern: "Unseren Söhnen wurde etwas angehängt"
Die Eltern der Brüder äußerten in getrennten Interviews, ihren Söhnen sei etwas angehängt worden, was sie nicht begangen hätten. Subeidat Tsarnaev, die Mutter der beiden Männer, sagte dem englischsprachigen russischen Staatsfernsehen Russia Today am Samstag, Tamerlan habe sich seit etwa fünf Jahren stark für den Islam interessiert. "Aber er hat nie gesagt, dass er den Weg des Jihad einschlagen will." Die beiden seien unfähig, solch ein Bombenattentat zu verüben, so die Mutter.

Der in Dagestan lebende Vater der Brüder, Anzor Tsarnaev (Bild 3), sagte, er glaube, dass man seine Söhne angeschwärzt habe: "Ich weiß nicht, wer das getan hat, aber jemand hat es getan, und dieser jemand sollte dafür bestraft werden." Ehemalige Klassenkameraden beschrieben die Brüder als gute, unauffällige Schulfreunde, bei denen kein Hang zum Extremismus zu erkennen gewesen sei. 

Jubel auf Bostons Straßen
Nach der Festnahme Dzhokhar Tsarnaevs im Vorort Watertown herrschte in Boston große Erleichterung. Zahlreiche Menschen strömten auf die Straßen, nachdem die Stadt über Stunden im Ausnahmezustand gewesen war. Sie jubelten und klatschten Beifall. Manche schwenkten US-Flaggen. "Ich fühle mich erleichtert und ich glaube, wir alle empfinden so", meinte eine Studentin. Die Menschen bildeten ein Spalier für die Polizeikräfte, die von der Jagd auf Tsarnaev zurückkehrten. "Jedes Mal, wenn sich ein Polizeifahrzeug näherte, brach Jubel aus. Die Menschen umarmten die Polizisten und dankten ihnen", berichtete ein Augenzeuge.

Die Boston Red Sox kehrten am Samstag mit einem Tag Verspätung in ihr Heimstadion zurück. Statt ihres traditionellen Trikots trugen sie T-Shirts mit dem Aufdruck "Boston". Starspieler David Ortiz zollte in einer kurzen Ansprache der Stadt, dem Gouverneur und der Polizei seine Anerkennung für ihre "großartige Arbeit". "Das ist unsere verdammte Stadt, und niemand nimmt uns unsere Freiheit. Bleibt stark", sagte er unter den zustimmenden Rufen der Menge. Die Fans stimmten zusammen mit dem 72-jährigen Sänger Neil Diamond "Sweet Caroline" an und sangen gemeinsam die Nationalhymne.

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