Billig-Implantate

Buhrufe und Schreie bei Prozessauftakt gegen PIP-Chef

Ausland
17.04.2013 17:51
Buhrufe, Schreie, Beschimpfungen: Mit tumultartigen Szenen hat am Mittwoch der erste Strafprozess im weltweiten Skandal um Billig-Brustimplantate der Firma PIP begonnen. PIP-Firmengründer Jean-Claude Mas (Bild) muss sich in Marseille zusammen mit vier früheren Angestellten wegen des Vorwurfs der schweren Täuschung und des Betrugs verantworten. In dem Mammutprozess, der bis zum 17. Mai dauern soll, haben sich mittlerweile 5.250 Frauen der Klage gegen den 73-Jährigen angeschlossen, darunter auch 73 Österreicherinnen.

Mas hatte im Polizeiverhör bereits gestanden, seine Silikon-Einlagen mit einem billigen Industriegel gefüllt und die Kontrolleure des TÜV Rheinland darüber getäuscht zu haben. Er versicherte aber, seine Produkte seien nicht gesundheitsschädlich. Rund zehn Jahre lang hatte er weltweit Hunderttausende seiner Implantate verkauft, vor allem in Südamerika, Großbritannien, Spanien und Frankreich, bevor die Einlagen im März 2010 verboten wurden.

Frauen buhten Mas lautstark aus
Mehrere Hundert Klägerinnen nahmen in Marseille persönlich am ersten Prozesstag teil. Sie standen dort erstmals dem PIP-Firmengründer gegenüber, der ihnen im Polizeiverhör vorgeworfen hatte, sie würden ihn nur "wegen der Kohle" vor Gericht zerren. Als Mas sein Einkommen nun mit 1.700 bis 1.800 Euro pro Monat aus einer Pension angab und sich als vermögenslos deklarierte, wurde er von einigen Anwesenden lautstark ausgebuht. Das Gericht drohte wiederholt mit der Räumung des Saales, sollten sich tumultartige Szenen wiederholen.

Messehalle um 800.000 Euro für Prozess umgebaut
Die Klägerseite - darunter auch der Verein für Konsumenteninformation, der drei geschädigte Österreicherinnen vertritt und in Person der Juristin Ulrike Wolf anwesend war - wurde bei Verhandlungsbeginn von rund 300 Anwälten vertreten. Zudem sind 200 Journalisten aus verschiedenen Ländern, darunter auch aus Deutschland und Österreich, akkreditiert. Das Gericht musste wegen der Größe des Prozesses in eine eigens umgebaute Halle auf dem Messegelände von Marseille umziehen. Kostenpunkt dieser Maßnahme der Justizverwaltung: 800.000 Euro.

Unklar ist, wer die Opfer entschädigen soll, denn die südfranzösische Firma PIP ist seit 2010 pleite. "Wir erwarten, dass die Schuldigen die Strafe bekommen, die sie verdienen", sagte die Vorsitzende einer Opfervereinigung, Alexandra Blachere. Außerdem müssten die Opfer, auf die häufig mit dem Finger gezeigt werde, endlich als solche anerkannt und entschädigt werden. Anwalt Philippe Courtois, der 2.800 Frauen vertritt, hob hervor, die Aussage vor Gericht sei für viele Opfer "Teil der Therapie".

Anwältin will 570.000 Euro für Österreicherinnen erkämpfen
Die Anwältin von 73 Österreicherinnen, Sigrid Preissl, sprach von einem "sehr bedeutenden materiellen und immateriellen Schaden" für die Frauen. Sie will für die betroffenen Frauen 570.000 Euro erkämpfen. "Der finanzielle Schaden für die 73 Frauen aus Österreich liegt zwischen 4.000 und 15.000 Euro. Ihr Leidensweg ist dabei nicht eingerechnet", so Preissl gegenüber der "Krone".

Mas und den vier Mitangeklagten drohen bis zu fünf Jahre Haft wegen Betrugs. Gegen den PIP-Gründer laufen in Frankreich noch zwei andere Ermittlungsverfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Tötung sowie wegen betrügerischen Bankrotts.

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