Interview: Bariton Philippe Sly sitzt derzeit im Rollstuhl auf der Wiener Staatsopernbühne. Für seine Interpretation des Hamm in „Fin de partie“ von György Kurtág wird er gefeiert. Wir trafen ihn zum Gespräch.
„Krone“: Wie ist Ihre Beziehung zu Samuel Becketts Werk?
Philippe Sly: Ich kenne Beckett schon lange. Ich habe „Warten auf Godot“ in der Schule gelesen. Außerdem hatte ich ein Buch mit Gedichten.
Wie geht György Kurtág mit Beckett um?
Es ist fantastisch, wie Kurtág den französischen Text ganz idiomatisch, nah an der Sprache vertont. Kurtág ist für seine kurzen Stücke berühmt. Aber „Fin de partie“ ist mit Abstand sein längstes Werk. Man merkt, dass er jede Kleinigkeit genauestens überdacht hat.
Sie sind Hamm, der sitzt im Rollstuhl und ist blind. Wie drückt man sich da aus? Da bleibt nur noch die Stimme?
Ich habe auch noch meine Arme und den Kopf. Als Theaterkreatur genieße ich das richtig. Es ergibt viele interessante Möglichkeiten. Auch alle anderen Figuren sind limitiert, da hermüssen wir stark mit dem Text arbeiten. Das erzeugt große Kreativität und zwingt, über den Tellerrand zu schauen.
Wie fordernd ist die Rolle für einen Sänger?
Es ist schwierig, im Rollstuhl zu singen. Vor allem muss ich oft in einer verrenkten Haltung sitzen, denn Hamm ist ein Krüppel. Man muss den Brustkorb gerade halten, sich strecken, um ordentlich singen und ordentlich atmen zu können.
Und für Regisseur Herbert Fritsch geht das o. k.?
Ich habe ihn davon überzeugt.
1926 geboren, gilt György Kurtág neben den verstorbenen Kollegen György Ligeti und Péter Eötvös als bedeutendster ungarischer Komponist der Gegenwart.
„Fin de partie“ ist die einzige Oper des für seine minimalistischen Kompositionen bekannten Kurtág. Der Kompositionsauftrag der Mailänder Scala wurde dort 2018 uraufgeführt.
Kurtág vertonte mit „Fin de partie“ einen von Samuel Beckett 1956 auf französisch geschriebenen Einakter. Darin dämmern Hamm, seine beinlosen, in Mülltonnen vegetierenden Eltern sowie der lahmende Diener Clov nach einer Katastrophe dem Untergang entgegen.
Wie lief die musikalische Vorbereitung?
Die Arbeit mit Dirigentin Simone Young war fantastisch. Wir sind beide ein wenig Streber. Wir haben schon vorab über Zoom miteinander gearbeitet. Die Rolle ist lang und extrem fordernd hinsichtlich Harmonien und Rhythmus. Der Takt ändert sich ständig.
Wie lange haben Sie die Partie studiert?
Ich habe mir ein ganzes Jahr Zeit dafür gegeben.
Wie viel Humor steckt in „Fin de partie“?
Es ist faszinierend, denn in der Uraufführungsproduktion gab es komische Momente, aber sie war nicht komödiantisch. Unsere Produktion besitzt dagegen sehr viel Humor.
Hamm verliert seinen Humor auch nicht, selbst wenn draußen alles stirbt, die ganze Stimmung apokalyptisch ist. Er weiß es, akzeptiert es und lacht darüber - das macht ihn menschlich.
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