Amischen-Prozess

Anführer der “Bart-Abschneider” zu 15 Jahren verdonnert

Ausland
08.02.2013 22:09
Im Prozess um Zwangsrasuren bei den Amischen im US-Staat Ohio ist der Gemeindeführer am Freitag zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Bischof Samuel Mullet (Bild) muss wegen "Anstiftung zu religiös motivierten Hassverbrechen" ins Gefängnis, urteilte das Bezirksgericht in Cleveland. Die Mitangeklagten erhielten Haftstrafen zwischen einem und sieben Jahren.

Mullet hatte laut Urteil 15 seiner Glaubensbrüder und -schwestern dazu angestiftet, ungehorsamen Mitgliedern seiner ultrakonservativen Gemeinde die Haare abzuschneiden und den Bart zu rasieren. Bei den Attacken mit Scheren und batteriebetriebenen Rasierapparaten wurden mehrere Menschen verletzt. Kopf- und Gesichtsbehaarung gelten bei den Amischen als heilig – daher die Verurteilung wegen Hassverbrechen religiösen Ursprungs.

"Jeder Einzelne von Ihnen hat mehr gemacht, als nur die Opfer zu terrorisieren, zu traumatisieren und zu entstellen", sagte Richter Dan Aaron Polster laut der Zeitung "Cleveland Plain Dealer". "Sie haben auf der Verfassung herumgetrampelt." Bei den Amish gilt der Bart als Ausdruck von Männlichkeit, Würde und Frömmigkeit.

Opfer aus dem Haus gezerrt und Bart abgeschnitten
Der Fall war im Oktober 2011 ins Rollen gekommen, als Bischof Myron Miller in Ohio von fünf bis sechs Amischen überfallen worden war. Die Männer mit langen Bärten und Hüten standen plötzlich vor der Tür und weckten den 45-Jährigen und seine Frau Arlene mit lautem Klopfen. Miller wurde vor das Haus gezerrt, wo die Angreifer in der Dunkelheit den Bart des Bischofs abschnitten.

Miller wurde – so wie die anderen Opfer der Gruppe – mit Scheren und batteriebetriebenen Rasierern gequält und gedemütigt. Er und seine Leidensgenossen, darunter Bischof Raymond Hershberger, ein führendes Mitglied der Amischen in Holmes County in Ohio, brachten einen Prozess ins Rollen, der weit über die Grenzen des Bundesstaates für Aufmerksamkeit sorgte. Insgesamt 16 Angreifer wurden nun für schuldig befunden.

Mullet führte strenges Regiment
Schlüsselfigur ist Bischof Mullet. US-Medien bezeichneten den 67-Jährigen als "Sektenführer", der seine Gruppe "wie ein Diktator" geführt habe: Ungehorsam habe er mit Schlägen bestraft, Menschen oft tagelang in Hühnerkäfige gesperrt. Laut einer eidesstattlichen Zeugenerklärung habe Mullet außerdem Sex mit verheirateten Frauen gehabt, um sie "vom Teufen zu reinigen".

Die Staatsanwaltschaft hatte für Mullet als Anführer der Gruppe lebenslängliche Haft gefordert. Sie warf Mullet vor, gegen Abweichler und religiöse Gegenspieler unter den Amish eine "Terrorkampagne" gestartet zu haben. 

Die brutalen Angriffe hatten die pazifistischen Amish schockiert, denen jede Form von Rache verboten ist. Die Amish sind Angehörige einer Täufergemeinschaft, die im 18. und 19. Jahrhundert vor allem aus Deutschland, der Schweiz und dem Elsass in die USA auswanderte. Die Gemeinschaft zählt rund 260.000 Mitglieder, die meisten von ihnen leben in Pennsylvania und Ohio.

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