Über Jahrzehnte

GB: Geheimagenten benutzten Identität toter Kinder

Ausland
04.02.2013 14:14
Für verdeckte Operationen soll die Londoner Polizei Scotland Yard jahrzehntelang die Identitäten toter Kinder für ihre Beamten verwendet haben. Laut einem Bericht der britischen Tageszeitung "The Guardian" soll die Metropolitan Police, wie sie auch genannt wird, rund 80 Verstorbene für ihre Zwecke herangezogen haben, ohne die Eltern der Kinder zu informieren. Ziel sei es gewesen, die Ermittler unerkannt in diverse Protestgruppen - darunter rechtsextreme Organisationen und militante Tierschützer - einzuschleusen.

Laut "The Guardian" habe Scotland Yard in den Datenbanken von Ämtern, in denen Geburts- und Sterbeurkunden gespeichert sind, für ihre Zwecke geeignete Namen gefunden. Danach seien die verstorbenen Kinder wieder "zum Leben erweckt" worden, indem Personaldokumente auf ihren Namen ausgestellt und die Geheimagenten mit diesen ausgestattet wurden.

"Gefühl, auf dem Grab des Kindes herumzutrampeln"
Manche der gefälschten Identitäten waren bis zu zehn Jahre lang aktiv. Die verdeckten Ermittler, von denen einige - unter Wahrung ihrer Anonymität - in dem Blatt zu Wort kommen, hatten im Vorfeld die Lebensläufe ihrer neuer Identitäten studiert. So hielten sie sich in den Geburts- und Wohnorten der Kinder auf und prägten sich die Umgebung der Wohnadresse und anderer wichtiger Orte ein.

Einer der Ermittler sagte gegenüber dem "Guardian", er habe das Gefühl gehabt, auf dem "Grab" des vierjährigen Buben "herumzutrampeln", dessen Identität er benutzt habe. Außerdem habe er sich bei jedem wiederkehrenden Geburtstag des Toten "komisch gefühlt". Ein weiterer Geheimagent sah die umstrittene Maßnahme dadurch gerechtfertigt, dass es einem "höheren Ziel" gedient habe. 

Ein dritter Agent, der die Identität eines an Leukämie gestorbenen Buben angenommen hatte, sei nach Angaben des Blattes nach seinem plötzlichen Verschwinden von seiner damaligen Geliebten jahrzehntelang gesucht worden. Demnach hatte sie sogar die Adresse des Wohnhauses herausgefunden, in dem der verstorbene Bub gelebt hatte. Doch zu diesem Zeitpunkt lebten dessen Eltern nicht mehr dort.

Die Geliebte sei damals lediglich ein kleines Stück davon entfernt gewesen, die geheime Identität des Polizisten aufzudecken. Sie gab nicht auf - bis sie laut "Guardian" schließlich im Jahr 2003 ein entscheidendes Puzzlestück auffinden konnte: Ihr Geliebter war seit 1977 verheiratet und hatte auch einen anderen Namen. Langsam wurde ihr bewusst, dass sie einen Polizei-Spion geliebt hatte.

Untersuchung der Geheimoperationen angekündigt
Das von dem Agenten erwähnte "höhere Ziel" von Scotland Yard bestand darin, Protestgruppen - darunter Anti-Rassismus-Organisationen, Tierschützer und rechtsradikale Organisationen - zu infiltrieren und der Polizei wichtige Hinweise auf deren Operationen und Strukturen zu liefern. Scotland Yard betonte in einer ersten Stellungnahme, dass solche Praktiken derzeit nicht zum Repertoire der Ermittler gehörten, man werde aber die zwischen 1968 und 1994 durchgeführten Operationen untersuchen.

Keith Vaz, Vorsitzender jenes Parlamentsausschusses, der sich nun mit den Fällen beschäftigen wird, zeigte sich über die "grausamen" Methoden "schockiert". Sein Ausschuss untersucht bereits seit dem Jahr 2011 verdeckte Operationen von Scotland Yard - aber wegen anderer Vorwürfe. Damals flogen mehrere Fälle auf, in denen Geheimagenten sexuelle Beziehungen mit Personen eingegangen waren, die sie zu beschatten hatten. Elf Frauen klagten in weiterer Folge die Metropolitan Police wegen der Schäden, die sie durch die im Zuge der Geheimoperationen entstandenen Liebesbeziehungen erlitten haben.

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