Neuer Sozialbericht

Armutsgefährdung sinkt, manifeste Armut steigt

Wirtschaft
19.11.2012 17:00
Die Zahl der von Armutsgefährdung bedrohten Menschen ist trotz der Wirtschaftskrise in den letzten Jahren gesunken, die Zahl der von manifester Armut Betroffenen hingegen hat seit 2005 stark zugenommen. Das geht aus dem Sozialbericht 2011-2012 hervor, den Sozialminister Rudolf Hundstorfer am Montag vorstellte. Im Vergleich zu anderen EU-Staaten wirken sich die Folgen der Wirtschaftskrise in Österreich relativ moderat auf den Lebensstandard der Bevölkerung aus.

Bei manifester Armut zeigt der Sozialbericht einen langfristigen Anstieg. Manifest arm sind Personen, die sowohl monetär armutsgefährdet (das heißt, sie beziehen weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens) als auch finanziell depriviert sind (das ist der Fall, wenn zwei der folgenden sieben Merkmale zutreffen: Wohnung kann nicht warm gehalten werden, nahrhaftes Essen ist nicht leistbar, regelmäßige Zahlungen sind nicht begleichbar, bei Bedarf kann keine neue Kleidung gekauft werden, Arzt- oder Zahnarztbesuch ist nicht leistbar, Freunde können nicht eingeladen werden). 2010 war bereits eine halbe Million Menschen davon betroffen (6,2 Prozent der Bevölkerung). Das sind um rund 140.000 Personen mehr als noch im Jahr 2005 (4,6 Prozent).

Noch deutlicher ist die Zunahme langfristig verfestigter Armut. Seit 2005 hat sich die Zahl der Menschen, die in zwei aufeinanderfolgenden Jahren finanziell depriviert waren, mehr als verdoppelt. Im Jahr 2010 waren 855.000 Menschen oder 10,6 Prozent der Bevölkerung davon betroffen (2005: 5,1%). 2009 war der Prozentsatz der in zwei aufeinanderfolgenden Jahren von manifester Armut betroffenen Personen mit 11,9 Prozent allerdings noch höher.

Armutsgefährdung hat sich verringert
Die Zahl der von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedrohten Menschen hat sich hingegen verringert. Das sind Personen, die entweder armutsgefährdet (60 Prozent des Medianeinkommens) oder vier Merkmale für erhebliche Deprivation aufweisen oder in einem Haushalt mit sehr niedriger oder keiner Erwerbstätigkeit leben. Von einer dieser drei Gefährdungslagen waren 2010 1,373 Millionen Menschen oder 16,6 Prozent der Bevölkerung betroffen. Diese Zahl ist seit 2008 trotz Wirtschaftskrise um rund 160.000 Personen gesunken - 2008 waren noch 1,532 Millionen Menschen (18,6 Prozent) von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht.

Mit einer Armuts-/Ausgrenzungsgefährdungsquote von 18,8 Prozent waren Kinder und Jugendliche (285.000) im Jahr 2010 besonders stark betroffen. Die Gefährdungsquote von Frauen lag mit 18,3 Prozent (641.000 Personen) um fast ein Drittel höher als jene der Männer (13,7 Prozent oder 448.000 Personen). Jede dritte alleinlebende Frau ohne Pension und 37 Prozent der Alleinerzieher sind armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Auch in Haushalten eingebürgerter (38 Prozent) oder ausländischer Bürger (37 Prozent) ist dieses Risiko doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung.

Ungleiche Vermögensverteilung
Die Verteilung des Vermögens in Österreich ist zudem weiterhin sehr ungleich. Wie aus dem Sozialbericht hervorgeht, besitzt die Hälfte der Haushalte nur ein sehr geringes Nettovermögen von durchschnittlich 18.000 Euro. Bei 30 Prozent beträgt das durchschnittliche Vermögen 178.000 Euro. Bei 15 Prozent der Haushalte liegt das durchschnittliche Vermögen bei 497.000 Euro. An der Spitze der Vermögensskala befinden sich fünf Prozent der Haushalte. Deren durchschnittliches Vermögen beträgt 2,57 Millionen Euro pro Haushalt. Erfasst wurde dabei das Sach- und Finanzvermögen der Haushalte minus der Verschuldung.

Das durchschnittliche Nettovermögen der vermögendsten fünf Prozent ist damit laut Sozialbericht 139 Mal höher als das der Hälfte aller Haushalte. Auf die fünf Prozent entfallen 45 Prozent, auf die untere Hälfte vier Prozent des Gesamtvermögens.

"Handlungsbedarf bei Vermögenssteuern"
Hundstorfer sieht angesichts der im Sozialbericht festgestellten ungleichen Vermögensverteilung Handlungsbedarf. Es sei bezüglich vermögensbezogener Steuern zwar schon vieles geschehen, einiges sei aber noch offen. Konkret gehe es darum, den Faktor Arbeit zu entlasten und den Faktor Vermögen zu belasten, so Hundstorfer.

Der Sozialminister will seine Forderung ausdrücklich "nicht als Neiddebatte" verstanden wissen. Es gehe ihm um die richtigen Relationen. Es werde immer Menschen geben, die mehr haben, und andere, die weniger haben. Die Frage sei, ob erstere nicht einen höheren Beitrag leisten könnten, meinte der Minister.

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