26.09.2012 20:31 |

Motiv unklar

D: Arbeitsloser ersticht Betreuerin in Jobcenter

Eine 32 Jahre alte Sachbearbeiterin eines Jobcenters im rheinischen Neuss ist am Mittwoch von einem Mann erstochen worden. Der mutmaßliche Täter (52) war bei dem unangemeldeten Besuch mit ihr allein im Büro, als er sie mit dem Messer attackierte. Ein Kollege des Opfers alarmierte die Polizei. Die Frau starb später im Krankenhaus. Der Mann, der bei seiner Jobsuche von der Frau betreut worden war, wurde festgenommen.

Der Notruf war gegen 9.05 Uhr bei der Polizei eingegangen. Eine Mitarbeiterin werde bedroht, hieß es. Als die ersten Polizisten am Tatort eintrafen, fanden sie die Frau schwer verletzt vor. Sie hatte mehreren Stichwunden erlitten.

Zeugen wiesen die Beamten auf den Tatverdächtigen hin, wenig später konnte der Mann verhaftet werden. Laut Staatsanwaltschaft ist der dreifache Familienvater für die Polizei ein unbeschriebenes Blatt. Über das Tatmotiv wurde zunächst nichts bekannt. Eine Mordkommission ermittelt.

Opfer betreute den Mann bei Jobsuche
Das Opfer arbeitete seit 2009 für das Jobcenter. Die Frau sei Arbeitsvermittlerin für Arbeitslosengeld-II-Empfänger in einem Projekt für über 50-jährige Kunden gewesen, teilte das Jobcenter mit. "Spiegel Online" berichtete, der 52-Jährige sei von ihr bei der Jobsuche betreut worden. Ob der Mann deswegen zustach, ist noch nicht bekannt.

Die Polizei schließt jedoch aus, dass es eine private Beziehung zwischen dem Täter und seinem Opfer gab. Zeugen berichten zudem von einem hörbaren Streit, der eskaliert sein dürfte. Allerdings befanden sich die Sachbearbeiterin und der Täter alleine in dem Büro, weshalb es keine direkten Zeugen gebe, so die Polizei.

Zum Tatzeitpunkt hielten sich 15 Menschen in dem Jobcenter auf. Viele von ihnen standen nach der Bluttat unter Schock. Notärzte und Seelsorgern betreuten sie. Das Jobcenter bleibe mindestens bis einschließlich Freitag geschlossen, heißt es von den Behörden.

Übergriffe in Jobcentern häufen sich
Der tödliche Vorfall löste eine Diskussion um die Sicherheit der Jobcenter-Mitarbeiter aus. Wie die Deutsche Polizeigewerkschaft in Nordrhein-Westfalen erklärte, würden An- und Übergriffe auf Beschäftigte von Jobcentern zunehmen. Bei einer Befragung von 500 Mitarbeitern im Jahr 2009 habe jeder Vierte angegeben, Opfer eines Übergriffs gewesen zu sein. Anlass seien häufig ablehnende Bescheide in Hartz-IV-Verfahren.

Die komplizierte und oft schwer durchschaubare Gesetzeslage provozierten Wut und Verzweiflung. Wenn es um die Existenz gehe, dann seien Kurzschlusshandlungen alles andere als vorhersehbar. "Nichts rechtfertigt jedoch den brutalen und tödlichen Messerangriff auf die junge Frau", stellte der NRW-Landesvorsitzende Erich Rettinghaus fest.

"Situation durch Überbelastung und Frust geprägt"
Die Situation in vielen Jobcentern sei durch Überlastung und Frust geprägt, stellte der Vorsitzende der Jobcenterpersonalräte, Uwe Lehmsiek, in einer Mitteilung fest. Druck und Sparzwänge trügen zu aggressivem Kundenverhalten bei. Übergriffe könnten durch einen "realistischen Betreuungsschlüssel und eine vernünftige Personalausstattung" reduziert werden.

Das Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, Heinrich Alt, zeigte sich entsetzt und betroffen. Alle Sicherheitsmaßnahmen in den Jobcentern könnten einen Vorfall dieser Art nicht verhindern. "Unsere Mitarbeiter können sich nicht hinter Schutzglas verschanzen. Wir brauchen eine Vertrauensbasis mit unseren Kunden. Dazu müssen wir eine offene Behörde sein."

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