Er schrieb als Gitarrist bei Rage Against The Machine und Audioslave Rockgeschichte, kuratierte das Ozzy-Osbourne-Abschlusskonzert „Back To The Beginning“ in Birmingham und zählt Bruce Springsteen zu seinen Busenfreunden. Tom Morello hat aber mehr vor – und erzählt der „Krone“ im Interview von seinen Plänen innerhalb und außerhalb des musikalischen Kosmos.
„Krone“: Tom, heuer warst du wieder mal am Nova Rock zu sehen. Ein Ort, an dem du schon mit unterschiedlichen Bands und in unterschiedlichen Arten und Weisen gespielt hast. Erinnert man sich als Vielreisender wie du einer bist an gewisse Orte wie diesen?
Tom Morello: Natürlich! Ich war hier ein oder zweimal mit Rage Against The Machine und dann auch mit den Prophets Of Rage. Ich habe hier mal von der Bühnenseite Judas Priest, eine meiner absoluten Lieblingsbands, gesehen. Damals noch mit Gitarrist K.K. Downing. Er hat mich während der Show bemerkt, kam rüber geeilt und gab mir einen Fistbump. Was für eine Ehre!
Du giltst als einer der besten und kundigsten Netzwerker in der Musikszene. Selbst du hast noch solche Fan-Momente?
Auf jeden Fall. Ich habe nie aufgehört, ein Fan zu sein, das ist die Unterlage meines gesamten Tuns. Ich liebe Bands wie Judas Priest oder Iron Maiden und Musiker wie Randy Rhoads über alles. Dass ich selbst in einer Position bin, die mir erlaubt, all diese Größen vom Bühnenrand aus beobachten zu dürfen, ist ein riesengroßes Privileg.
Du hast im Sommer 2025, vor gut einem Jahr, die gesamte „Back To The Beginning“-Chose in Birmingham kuratiert. Die unvergessene Abschiedsvorstellung von Black Sabbath und Ozzy Osbourne, der wenige Wochen danach tatsächlich verstarb. Wie ging das damals vonstatten?
Ozzy und seine Frau Sharon haben mich damals gefragt, ob ich als Kurator und musikalischer Direktor für diese Veranstaltung fungieren sollte und ich fühlte mich natürlich irrsinnig geehrt. Der Heavy Metal hat das Feuer für Musik in mir entfacht. Mein erstgeborener Sohn Rhoads ist nach Ozzys legendärem Gitarristen Randy Rhoads benannt und nur wegen Heavy Metal habe ich überhaupt eine Gitarre in die Hand genommen. In Birmingham wurde diese Musik erfunden und dass ich dort Bands wie Metallica, Guns N’Roses oder Slayer, die sich alle auf Black Sabbath berufen, für das Tribute gewinnen konnte, war unglaublich. Millionen Menschen auf der ganzen Welt haben das Event im Stream verfolgt, Tausende waren live im Stadion. Alle haben ihre Liebe für die Musik und für Ozzy gezeigt. Dass auch noch alle vier Originalmitglieder von Black Sabbath am Leben waren und gemeinsam auf der Bühne standen, war wirklich ganz speziell.
Ich war selbst dort und mir hat es das eine oder andere Mal die Tränen rausgedrückt.
Nicht nur dir, mein Freund, nicht nur dir.
Konntest du diesen Abend aufgrund der vielen Arbeiten überhaupt genießen?
Es war wirklich verdammt viel harte Arbeit, aber meine war vorwiegend im Vorfeld auszufüllen. Als die Show startete, konnte ich mich zurücklehnen und alles genießen. Es waren einige unvergessliche Momente dabei. Allein die Proben der zwischengeschalteten Supergroups, wo Größen verschiedener Bands Sabbath-Lieder einstudierten. Wir hatten insgesamt drei Tage und an jedem Tag wurde elf Stunden lang hart gearbeitet. Die meisten hatten auch noch einen Jetlag und alle wollten nur ins Bett. Aber dann sagte jemand, dass Black Sabbath gerade einen Soundcheck im Stadion machen würden – wie soll man da schlafen gehen? So waren ich, mein Sohn Roman, Steven Tyler von Aerosmith und ein paar andere Leute im leeren Stadion und konnten zum vorletzten Mal überhaupt „War Pigs“ in dieser Atmosphäre hören. Ein unbezahlbarer Moment.
Mittlerweile wirkt es ohnehin schon so, als wärst du mindestens genauso viel Kurator wie Musiker an sich …
Das mag sein. Ich habe die ersten Setlists als 17-Jähriger geschrieben und viele meiner eigenen Events kuratiert. Dazu gab es viele aktivistische Konzerte und Charity-Shows, aber so etwas wie den „Back To The Beginning“-Abend, wo wirklich die größten Musiker der Welt für ein gemeinsames Ziel zusammenkommen, habe ich davor noch nie gemacht. Das war schon noch einmal eine ganz andere Größenordnung, die sich mit nichts vergleichen lässt.
Konzertabende mit einer tieferen Bedeutung auszustatten, wird in Zeiten wie diesen immer wichtiger.
Korrekt. Wir sind seit Jahren mit dem Aufkommen von Rechtsextremismus und Autoritarismus konfrontiert. Nicht nur in den USA, sondern weltweit. Spätestens seit den feigen Morden der ICE-Abordnung in Amerika erheben Künstler wieder verstärkt ihre Stimme gegen diese Strömungen. Diesen Wind will ich nutzen und so viel wie möglich gegen diese Strömungen unternehmen. Wir kämpfen mit allem, was wir haben, und in meinem Fall ist das der Rock‘n‘Roll.
Du warst immer aktiv im politischen und gesellschaftskritischen Sinne. Es ist quasi die Unterlage deines gesamten Seins. Schätzt du es, für jüngere Menschen ein Vorbild zu sein?
Gegen diese Sichtweise kann ich nichts machen, aber es ist nicht mein vorsätzliches Ziel. Ich denke über solche Dinge nicht nach. Ich unterscheide auch nicht zwischen Künstlern und Musikern und jenen Menschen, die es nicht sind. Es liegt in der Verantwortung von Künstlern, gegen Ungerechtigkeiten die Stimme zu erheben und sich dagegen aufzulehnen. Genauso ist es aber in der Verantwortung eines Fotografen, eines Studenten oder eines Tischlers. Die Frage ist rein menschlich gehalten: Wie weit schauen wir zu? Wann greifen wir ein? Was können wir ändern?
Die Menschen schauen zu Musikern auf. Sie erwarten sich oft eine Führungsrolle von ihnen und hören genau zu, was sie zu sagen haben.
Das verstehe ich, denn mir ging es mit Bands wie The Clash oder Public Enemy auch so. Ich habe ihre Musik bewundert und ihre Einstellung, die sie nach außen trugen, war tief in mir verankert. Sie haben mir das Gefühl gegeben, dass ich mit meinen Ansichten und Gedanken nicht allein bin. Als politischer Musiker ist es deine Verantwortung, die Zeit zu reflektieren und alle Fähigkeiten, die man hat, dafür zu nutzen, sich gegen Rassismus und Faschismus zu stellen, um den Menschen ein friedlicheres Leben zu ermöglichen.
Im Oktober kuratierst du in Washington D.C. das Ein-Tages-Festival „Power To The People“ mit so unterschiedlichen Namen wie Bruce Springsteen, den Foo Fighters oder Cypress Hill. Welches Ziel verfolgst du damit?
Das große Ziel ist, dass es keine Eintagsfliege bleibt, sondern zu einer Art „progressivem Coachella“ wird. Für Künstler mit ähnlicher Denkweise aus unterschiedlichsten Genres. Es gibt da keine Begrenzungen. Der einzige Konsens ist es, Faschismus zu bekämpfen – wenn du das auch so siehst, bist du bei uns herzlich willkommen.
Ich kann mir gut vorstellen, dass da mehr Künstler dabei sein wollen, als du eigentlich auf das Billing nehmen kannst?
Natürlich hätten wir gerne alle an Bord gehabt, aber für den Anfang probieren wir es mal etwas limitiert an einem Tag. Die Hoffnung ist, dieses Festival so zu etablieren und die Leute damit zu erwecken, dass wir noch viele Jahre und viel größer weitermachen können.
Macht so ein Festival eigentlich auch noch Sinn, wenn Donald Trump nicht mehr US-Präsident ist und vielleicht irgendwann wieder die Demokraten Amerika regieren?
Es gibt so viel Ungerechtigkeit auf der Welt. Schon vor Trump, während Trump und dann sicher auch wieder nach Trump. Es gibt genug Gründe, um damit weiterzumachen.
Diesen dir anheim liegenden kollaborativen Aspekt liebst du über alle Maßen. In allen Bereichen deines Tuns?
Auch musikalisch, ja. Unlängst kam eine Single mit Serj Tankian von System Of A Down auf den Markt, aber wir sind schon sehr lange befreundet und haben des Öfteren zusammengearbeitet. Aktuell arbeite ich gerade an meinem 22. Album, aber es wird das erste Rock-Soloalbum sein. Mit dem Freedom Fighter Orchestra toure ich seit fünf oder sechs Jahren durch die Gegend, wo wir meine Karriere zusammenfassen. Die Menschen brauchen heute die Riffs von Rage Against The Machine mehr denn je zuvor. Oder das Vermächtnis von Chris Cornell von Audioslave. Diese Musik werde ich für immer weitertragen. Dann wollte ich ein Album machen, das vom Grundsound der zwei Bands lebt und auch Gitarren von Woody Guthrie, Bruce Springsteen oder Roger Waters beinhaltet. Mein kleiner Sohn Roman ist ein unglaublicher Shredder, bei den Soli hat er mich längst überholt. Das Album ist sehr weit und ich bin unheimlich stolz darauf. Es fühlt sich wie eine neue, richtig kräftige Ära an. So wie die Debütalben von Rage Against The Machine, Audioslave oder meines Alter-Egos The Nightwatchman.
Es ist schön zu sehen, dass du die Euphorie und den Enthusiasmus für Musik nicht verloren haben scheinst?
Zu meinen größten Herausforderungen gehört es, Studioarbeit, Touren und das Kuratieren von Events wie „Power To The People“ unter einen Hut zu bringen. Auf Tour bin ich mit meinen Kids. Sie spielen Instrumente oder fotografieren auf Tour. Das sind aber keine Nepo-Babys. Wer Roman schon einmal Gitarre spielen sah, weiß, dass er mich längst übertrumpft hat. Außerdem liebe ich es, mit der Familie auf Tour zu sein.
Aber auch aus der Sicht deines Sohnes ist das als Gitarrist sicher nicht leicht, wenn man Tom Morello als Vater hat …
Das mag sein, aber ich habe vor meinem 17. Lebensjahr noch nicht gespielt. Er hat mit ungefähr neun angefangen. Zu Hause bin ich längst nur noch der Rhythmusgitarrist bei uns, weil er wirklich alle Techniken kennt, um ein richtig großes Solo aufs Parkett zu legen. Da gibt es für mich nichts mehr zu holen.
Lernst du schon von deinem 15-jährigen Sohn?
Die ganze Zeit schon! Ich lausche ihm beim Üben oft von der Tür außen und spüre, dass die DNA seiner Riffs von mir kommt, er aber welche auspackt, auf die ich nie gekommen wäre. Ich habe ihn schon ein paar Mal gefragt, wie zur Hölle er auf diese Ideen kommt und ihm gesagt, dass ich gerne selbst solche Riffs geschrieben hätte. (lacht)
Deine Anfänge als Gitarrist waren komplett anders?
Ich kann mich noch ganz genau an den Tag erinnern als ich das erste Mal eine Gitarre in der Hand hatte, aber damals dachte ich immer, um wirklich erfolgreich zu sein, bräuchte ich eine teure Les Paul und dazu einen voluminösen Marshall-Verstärker und am besten noch ein Schloss an einem schottischen See mit vielen Groupies. Damit konnte ich rundum nicht dienen, wie sollte ich also Erfolg haben? Als ich noch keine einzige Note auf der Gitarre spielen konnte, flatterte eine Kassette der Sex Pistols bei mir herein, aber die Musik hat mich in ihren Bann gezogen. Damals war ich in der Schule noch in einer Theatergruppe und in der lokalen Punkrock-Band nur deshalb Gitarrist, weil ich eine Gitarre hatte. Da war keine Erfahrung gefordert, man sollte einfach cool aussehen. Das war für mich ein Erweckungserlebnis. Erstmals habe ich gemerkt, ich kann auch in meinem Leben ein Teil einer Band sein. Ich muss nicht warten, bis ich alles habe, wovon ich dachte, dass man es bräuchte.
Damit hat dich die Liebe zur Musik und zum Gitarrespielen im Speziellen nie wieder verlassen?
Niemals. Ich hatte vielleicht mal Lust, nicht live zu spielen, aber noch keinen Tag, an dem ich nicht Gitarre spielen wollte. Ich habe mir das Spielen am Anfang selbst beigebracht – ohne Hilfe von außen. Ich spielte bis zu acht Stunden pro Tag und habe alle Informationen, die ich bekommen konnte, aufgesogen wie ein Schwamm. Heute bedeutet das Gitarrespielen für mich pure Kreativität. Es hilft mir beim Songwriting, beim Kuratieren und beim Livespielen. Ich versuche immer, so gut wie möglich mit dem Publikum in Verbindung treten zu können. Früher wollte ich der coole Typ sein, der alles niedershreddert. Heute sehe ich bei meinem Instrument das große Bild.
Eine Band wie Rage Against The Machine wird heute vielleicht mehr gebraucht denn je. Wäre das nicht ein Auftrag, die Kultband noch einmal zu vereinen?
Die Menschen haben Rage Against The Machine immer gebraucht. Vom Tag der Gründung bis in 100 Jahren in die Zukunft schauend. Ich kann die Riffs liefern, die man mit dieser Band dazu braucht. Ich kann das Verlangen beisteuern, Ungerechtigkeiten mit dieser Musik und diesen Riffs zu bekämpfen. All das waren integrale Bestandteile von Rage Against The Machine und sind es in anderen Bereichen noch immer. Es gehört auch zu meinen Aufgaben, das Vermächtnis dieser Musik hochzuhalten und daran zu erinnern. Ich durfte aktiv zu Rage Against The Machine beitragen und das tue ich an jedem Abend, wenn ich auf einer Bühne stehe.
Wann darf man denn mit dem Studioalbum rechnen?
Ich hoffe, dass es sich später in diesem Jahr noch mit einer Veröffentlichung ausgeht. Oktober, rund um das „Power To The People“-Festival, wäre der Wunsch. Schauen wir mal, ob das klappt.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.