15.05.2012 10:33 |

TV-Moment des Jahres

CSU-Chef nach Wutrede: "Können Sie alles senden!"

Die Regierungspartei CDU steht nach dem Wahldebakel im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen unter Schock. Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer, gleichzeitig Chef der Schwesterpartei CSU, blies am Montagabend in einem ZDF-Interview zur Attacke und kritisierte die schwarz-gelbe Bundesregierung scharf. Richtig interessant wurde es aber erst nach dem offiziellen Interview, als Seehofer den christlich-demokratischen Spitzenkandidaten in NRW nach allen Regeln der Kunst abwatschte. "Das können Sie alles senden!", ließ der bayerische Ministerpräsident den verdutzten Moderator wissen (siehe Video oben).
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"Wir sollten etwas nicht schönreden, was nicht schön ist. Das ist die bittere Wahrheit, das war ein Desaster", sagte Seehofer im "heute journal"-Interview, das der Sender vor der Ausstrahlung am späten Montagabend aufzeichnete. "Wir können jetzt nicht so tun, als wäre am Sonntag nichts passiert, sondern wir müssen daraus Konsequenzen ziehen." Die CDU hatte bei den NRW-Wahlen am Sonntag mit 26,3 Prozent ein historisch schlechtes Ergebnis erzielt. Die SPD und Grünen können nun eine stabile Landesregierung bilden.

Doch nicht nur die Pleite im bevölkerungsreichsten Bundesland schlug Seehofer auf den Magen, sondern auch die Bundespolitik. "Ich bin nicht mehr bereit, einfach zur Tagesordnung überzugehen. Wir müssen besser werden, auch in Berlin", so Seehofer, der auf ein Treffen der Parteivorsitzenden von CDU, CSU und FDP drängt, um dringende Probleme wie Energiewende, Vorratsdatenspeicherung und Betreuungsgeld anzusprechen.

"Off the record" wird zur TV-Sensation
Dann war das Interview eigentlich aus. Moderator Klaus Kleber unterhielt sich noch "off the record" mit dem bayerischen Ministerpräsidenten - die Kamera lief weiter. Jetzt ging es aber erst so richtig los, und Seehofer ging auf den NRW-Spitzenkandidaten der CDU, Norbert Röttgen, los. Dieser hatte sich vor der Wahl geweigert, auf seinen Posten als Bundesumweltminister zu verzichten - weil er im Fall einer Niederlage nicht mit völlig leeren Händen dastehen wollte. Parteikollegen warfen ihm deshalb vor, nicht zu 100 Prozent hinter der Kandidatur zu stehen.

Seehofer: "Ich habe ihm vor der Wahl gesagt: Lieber Herr Röttgen, das ist nicht Ihre Privatentscheidung, ob Sie jetzt nach NRW gehen oder nicht. Das trifft die ganze Union. Und wenn Sie das nicht korrigieren, dann wird uns das hart treffen - und genau so ist es gekommen." Er habe nicht nur persönlich mit dem Kandidaten gesprochen, sondern auch über die "Bild"-Zeitung an ihn appelliert. "Aber er hat mich abtropfen lassen", ärgerte sich Seehofer.

Vorsprung "weggeschmolzen wie Eisbecher in der Sonne"
Der CSU-Chef wies außerdem darauf hin, dass die CDU in Nordrhein-Westfalen kurz vor der Wahl in den Umfragen mit 37 zu 34 Prozent gegenüber der SPD in Führung lag. "Und innerhalb von sechs Wochen ist das weggeschmolzen wie ein Eisbecher, der in der Sonne steht. Das ärgert mich", schnaubte Seehofer und rechnete die noch verbliebenen Unionsregierungen mit FDP-Beteiligung in den Ländern auf: "Wir haben jetzt noch vier, wir hatten mal über zehn."

Moderator Kleber reagierte sichtlich überrascht angesichts der harten Kritik und sagte salopp, dass Gesprächspartner meist vor oder nach dem Interview interessante Sager loslassen würden. "Das können Sie alles senden, weil ich entschlossen bin, dass wir da was ändern", lautete Seehofers Antwort. Damit war der kurioseste TV-Moment des Jahres in Deutschland perfekt.

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