27.02.2012 15:08 |

Genom-Analyse zeigt:

"Ötzi" vertrug keine Milch und hatte Borreliose

Eineinhalb Jahre nach der Entschlüsselung des Genoms der Gletschermumie "Ötzi" liegt nun das Analyseergebnis vor: Demnach hatte der Mann aus dem Eis braune Augen und Haare, die Blutgruppe 0, eine genetische Veranlagung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, litt an der von Zecken übertragenen Infektionskrankheit Borreliose und vertrug keine Milch. Und: Ötzi und die Menschen auf Sardinien und Korsika hatten gemeinsame Vorfahren.

Bereits 2008 war die mitochondriale DNA (kurz: mtDNA) der 1991 im Südtiroler Teil der Ötztaler Alpen entdeckten, über 5.000 Jahre alten Mumie entziffert worden. Aus einer Knochenprobe aus dem Becken konnten die Wissenschaftler rund um Albert Zink, Leiter des EURAC-Instituts für Mumien und den Iceman in Bozen, Carsten Pusch vom Institut für Humangenetik der Universität Tübingen und den Bioinformatiker Andreas Keller von der Universität des Saarlands im Jahr 2010 das Genom entschlüsseln. Und zwar zu über 85 Prozent, wie Zink im Gespräch erklärte. Die DNA sei in sehr gutem Zustand und frei von Kontaminationen gewesen, berichten die Forscher im Wissenschaftsjournal "Nature Communications".

Die nun vorliegenden Ergebnisse der Genomanalyse zeigten eine genetische Veranlagung für Herz-Kreislauf-Erkrankungen beim Mann aus dem Eis. "Wir waren überrascht, dass es diese Veranlagung schon vor über 5.000 Jahren gegeben hat und diese Erkrankungen keineswegs eine moderne Zivilisationserscheinung sind", sagte Zink. Frühere CT-Untersuchungen der Mumie zeigten bereits erste Symptome in Form einer Arterienverkalkung - und das obwohl Ötzi keinen heute bekannten Risikofaktoren wie etwa Übergewicht oder Bewegungsmangel ausgesetzt war.

Mann im Eis litt an Borreliose
Ebenso überraschend war es laut Zink, bei Ötzi noch eine Infektionskrankheit zu entdecken. Sie fanden im Genom vom Mann aus dem Eis Spuren von Borrelien. Diese von Zecken übertragenen Bakterien verursachen beim Menschen die Krankheit Lyme-Borreliose. Diese Spuren sollen nun mit modernen Erregerstämmen verglichen werden, um zu sehen, ob sie sich in mehr als 5.000 Jahren stark verändert haben, sagte Zink.

Der 2008 erfolgten Untersuchung der mtDNA zufolge hat Ötzi wahrscheinlich keine lebenden Nachfahren. Bei der Analyse des gesamten Genoms haben die Wissenschaftler nun auch untersucht, zu welcher Haplogruppe der Eismann gehört. Aus einer bestimmten Abfolge der DNA-Bausteine des Y-Chromosoms lassen sich die Verwandtschaftsverhältnisse der väterlichen Linie herauslesen. Es zeigte sich, dass Ötzis Haplogruppe (namens G2a4) heute in Europa nur mehr relativ selten ist und sich große Übereinstimmungen nur in abgelegenen Regionen, etwa bei der Bevölkerung in Sardinien und Korsika, finden.

Ötzi, Sarden und Korsen mit gemeinsamen Urahnen
"Man weiß, dass Vorfahren von Menschen mit dieser Haplogruppe aus dem Nahen Osten eingewandert sind, dieser Typ aber im Laufe der Zeit durch andere Bevölkerungsgruppen ersetzt wurde und sich offensichtlich nur in entlegeneren Gebieten wie den Inseln gehalten hat", so Zink. Nun wollen die Forscher in Südtirol verstärkt nach dieser Haplogruppe suchen. "Es kann schon sein, dass sich auch in isolierteren alpinen Regionen noch Gruppen finden, die vielleicht eine direktere Verwandtschaftslinie zu Ötzi haben", so Zink.

Die Daten der Genom-Sequenzierung wurden kürzlich im Internet für weitere Analysen frei zugänglich gemacht. Zink ist überzeugt, dass "noch sehr viel Detailinformation" darin steckt, etwa auch zu anderen Veranlagungen, genetischen, mit Krankheiten assoziierten Veränderungen etc. Die Forscher überlegen auch, die Genom-Sequenzierung zu wiederholen, um zu einer noch besseren Auflösung zu kommen. Interessanter nächster Schritt wäre für Zink auch in Richtung Proteomik, also zu schauen, welche Proteine Ötzi gebildet hat.

Keine Unterschiede zum Genom des heutigen Menschen
Evolutionär hat sich übrigens seit Ötzis Zeiten nicht viel getan. Vergleiche mit dem Genom des heutigen Menschen hätten keinen Unterschied gezeigt, "dazu sind 5.000 Jahre offensichtlich zu wenig", so Zink.

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