Live in der Stadthalle

Pop-Elfe Björk kreierte ein multimediales Utopia

Wien
20.09.2023 00:03

Ein Vierteljahrhundert nach ihrem letzten Österreich-Auftritt bewies die isländische Avantgarde-Popkönigin Björk, warum sie in ihrer eigenen Liga spielt. Ihre multimediale „Cornucopia“-Performance erwies sich als multimediales Meisterstück, das mit Charme und Spielfreude alle Sinne betörte.

Als Björk das letzte Mal live in Österreich konzertierte, steckte das Internet noch in den Kinderschuhen. Gespeichert wurde auf Disketten, der schwarze MS-DOS-Eingangsbildschirm brachte so manchen Computerneuling zur Verzweiflung und die heute bekannten sozialen Medien schwammen noch in Abrahams Wurstkessel. 1998 war dieses Jahr, die Wiener Libro Music Hall die gewählte Lokation. Nach einem geschlagenen Vierteljahrhundert war die Spannung so manch alter und vieler neuer Fans auf die Rückkehr der heute 57-Jährigen groß. Dass das ausschließlich bestuhlte Konzert mit gut 9000 Tickets restlos ausverkauft werden sollte, hat niemanden überrascht. Björk hat sich von der Pop-Spaßgruppe Sugarcubes über die Jahrzehnte zur wandelbarsten und mysteriösesten Künstlerin des Globus entwickelt, die mit ihrer sympathischen Exzentrik und dem audiovisuellen Einfallsreichtum so gut wie alles inspiriert, was an Turntables steht oder die Gitarre würgt.

Volle Konzentration nötig
Ihre „Cornucopia“-Tour startete schon 2019 und war ursprünglich ganz auf das vorletzte Studioalbum „Utopia“ ausgelegt. Da die Pandemie die großen Pläne ins Stocken brachte, kam dazwischen noch das aktuelle Werk „Fossora“ heraus und wurde für die zweite Rutsche dieser Tour geschickt in das Set eingewebt. Mit einem herkömmlichen Konzert hat die Performance wenig zu tun. Vielmehr ist es ein Fest für alle Sinne, bei dem die Künstlerin schon zu Beginn ausrichten lässt, man möge doch bitte die Mobiltelefone im Sackerl stecken lassen, Fotos der Show würden später gratis zum Download angeboten werden. Das sonst eher sperrige heimische Publikum hält sich dann auch vornehmlich an den Hinweis. Wohl auch deshalb, weil man von der ersten Sekunde weg volle Konzentration benötigt, um all die Sinneseindrücke schnellstmöglich verarbeiten zu können.

Während Björk selbst in einem ausladenden Kostüm die Zeremonienmeisterin gibt, wird sie von sieben als feenhafte Engel verkleideten Flötistinnen begleitet, die ihr zuweilen auch als Chor dienen und den basischen Percussions des langjährigen Tiroler Livemitglieds Manu Delago zusätzlichen Verve verleihen. Das Konzept der Show ist theatralisch-dramatisch und begeistert vor allem mit einem ausgeklügelten, von internationalen Profis konzipierten Multimedia-Teil, das alle Stückerln spielt. Auf drei großen Videowalls werden bahnbrechende Animationen eingespielt, die irgendwo zwischen 3D und LSD mäandern und einen magisch in den Bann ziehen. Der oft so schwierige Sound in der Stadthalle ist zumindest weiter hinten zur Bühne druckvoll und gut, wodurch die Fans schnell in die paralysierende Welt der Künstlerin inhaliert werden, während sie selbst mit großer Stimmgewalt zu begeistern weiß.

Isländisches Fantasia
Björks Timbre und die partiell eingesetzten, schwindelerregenden Höhen haben mit den Jahren nicht an Intensität verloren, dazu hat sie sich eine Hobbit-ähnliche Echokammer bauen lassen, in der sie „Show Me Forgiveness“ ganz alleine A-Cappella singt, während auf der pilzförmigen Hauptbühne buntes Treiben herrscht. Einer der wichtigsten Ansätze in Björks Grundkonzeption, war die Verbindung von Natur, Technologie und einer märchenhaften Ästhetik. Geschickt erschafft sie mit den modernsten digitalen und technischen Möglichkeiten eine naturbasierte Atmosphäre, bei der immer wieder Wurzeln, Sträucher, Pilze oder fantasievoll geformte Kreaturen über die Videoleinwand huschen. Songs wie „Ovule“, „Pagan Poetry“ oder das mit grellgelben Lichteffekten unterlegte „Sue Me“ bewegen sich zwischen getragen und eruptiv, werden aber stets durch das visuelle Schauspiel sinnvoll zusammengehalten.

Ein besonderes Anliegen ist Björk seit jeher das Klima und die Zukunft. Schon während des Sets blendet sie eine Botschaft auf den digitalen Vorhang, bei dem das Pariser Klimaabkommen als einzige Lösung für eine sichere Zukunft genannt wird. Kurz vor dem Zugabenteil wird die bekannte schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg für eine etwa vierminütige Rede als Videobotschaft eingespielt. In der Brandrede prangert sie den rückschrittlichen Stillstand in der globalen Klimapolitik an, zeigt sich aber optimistisch, dass die Veränderungen nicht mehr aufgehalten werden können: „The Power Belongs To The People.“ Während das Video-Snippet noch vor nicht allzu langer Zeit bei Björks Auftritt in Los Angeles für laute Buhrufe und Trubel im Saal sorgte, erntet die Einlage vom Wiener Publikum durchwegs Zuspruch.

Seelenwohlfahrt
In einem fantasievollen weißen Kleid spielt Björk dann thematisch passend die Zugabe „Future Forever“ an und stellt nach ein paar herzhaften „Dankeschöns“ ihre Band vor. Für große Kostümwechsel bleibt während des stringenten Sets keine Zeit, so neigt sich die Reise in ein kunterbuntes Utopia auch nach weniger als eineinhalb Stunden dem Ende zu. Als Ergebnis bleibt eine klima- und gesellschaftspolitisch aufgeladene Multimedia-Performance, die das hehre Vorhaben, Realität und Fiktion, sowie Gegenwart und Zukunft in Bild und Ton zu vermengen, bravourös meisterte. „Cornucopia“ ist gewiss ein Werk, auf das man sich einlassen muss, entfaltet aber bei der nötigen Konzentration ein Sinnesrauschen, wie man es in diesem Metier normalerweise nicht gewohnt ist. Björk ist in der Avantgarde-Schiene unerreicht. Es ist ihrem überbordenden Charisma und dem schrägen Denken zu verdanken, dass sie mit stellenweise sperriger Kunst in Mainstreamsphären eintritt, die Künstlerinnen ihrer Couleur für gewöhnlich verschlossen bleiben. Eine Seelenwohlfahrt der fantastischen Sorte.

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Wien
20.09.2023 00:03
Loading
Kommentare Banner - Die Stimme Österreichs

Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.

Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.

Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.

Top 3
Kostenlose Spiele
Vorteilswelt

Magazine der Kronen Zeitung