Offensiver Kanzler. Letzter Akt im „Verhörzimmer“: Fünftes ORF-Sommergespräch, der Chef der stärksten Partei hat hier traditionell das „letzte Wort“. Dabei geht es in der Gäste-Reihenfolge freilich nicht nach den Stärken der Parteien in aktuellen Umfragen, sonst hätte Karl Nehammer seinen Auftritt schon in den vergangenen Wochen absolvieren müssen. Aber noch ist er Repräsentant der größten Parlamentspartei. Im Gegensatz zu FPÖ-Chef Herbert Kickl übte der ÖVP-Parteiobmann keine Kritik an der vom ORF ausgewählten Befragungszelle im Parlament - dennoch darf man als Zuseher darauf hoffen, das karge Besprechungszimmer 23 nicht so bald wieder als Kulisse geliefert zu bekommen. Hat sich das Gespräch mit dem Bundeskanzler nun dem trostlosen Ambiente angepasst? Anfangs nicht. Denn gut vorbereitet ging der vorwahlkämpfende Türkis-Schwarze zunächst in die Offensive und kündigte umfassende Maßnahmen zum Ausbau der Kinderbetreuung an. 4,5 Milliarden Euro, so das Versprechen, wolle man da investieren - in die Infrastruktur und das notwendige Personal. Um auch die Kleinsten besser versorgen zu können, die Öffnungszeiten in den Betreuungseinrichtungen zu verlängern. Eine klare Duftmarke in den ersten Minuten gesetzt - aber kann Nehammer das Startfurioso halten, in der Offensive bleiben?
„In der unglücklichen Lage“. Nein, das geht sich natürlich nicht aus, rasch gerät er in die Defensive. Kommt das Klimaschutzgesetz mit den Grünen noch? Da schleudert es Nehammer im Ausweich-Slalom. Warum kommt der Mietpreisdeckel so spät? Auch da kann er keine überzeugende Antwort liefern. Ein Satz, der sein defensives Verhalten in so vielen Fragen vermutlich am besten beschreibt: „Ich bin in der unglücklichen Lage, als Bundeskanzler diese Maßnahmen verteidigen zu müssen.“ Um wenig später „diesen ganzen Pessimismus, dieses Schlechtreden“ zu bekritteln. Na, dann lassen wir Nehammers Schlusssatz lieber unkommentiert im Raum stehen. Was von ihm einst bleiben soll, wird der Kanzler gefragt. Er kritzelt auf das vor ihm liegende Blatt Papier Figls Satz: „Glaubt an dieses Österreich“. Aha.
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