Die Dokumentation "Mummyfying Alan – Ägyptens letztes Geheimnis" des britischen TV-Senders "Channel 4" offenbart am Montag erstmals die Mumifizierung eines menschlichen Körpers und ermöglicht es den Zusehern, den Wissenschaftlern bei den einzelnen Stadien des komplexen Prozesses über die Schulter zu blicken. Ein Filmteam begleitete Experten rund um den Chemiker Stephen Buckley, die das 3.000 Jahre alte Rätsel der Mumifizierung mittels eines eigens für diesen Zweck gespendeten Körpers lösen wollen.
Der 61-jährige Alan Billis aus der Ortschaft Torquay in Devon hatte gerade die Diagnose Lungenkrebs im Endstadium erhalten, als er von der Suche nach einem Körperspender erfuhr. "Ich las die Zeitung und da war ein Artikel über das Mumifizierungs-Projekt und die Suche nach freiwilligen Körperspendern", erzählte er in einem Interview. Die Leute hätten ihre Körper schon lange Zeit der Wissenschaft zur Verfügung gestellt, und wenn die Menschen nicht etwas freiwillig täten, könnte auch nichts herausgefunden werden, begründete der ehemalige Taxifahrer seine Entscheidung.
Brite wird zu modernem Tutanchamun
Im Jänner erlag Billis schließlich den Folgen seiner schweren Krankheit. Sein Körper wurde dann mit den Techniken, welche die alten Ägypter bei Tutanchamun verwendeten, für die Nachwelt konserviert. Stephen Buckley, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der York University, hatte zwei Jahrzehnte damit verbracht, den Mumifizierungs-Prozess der Ägypter der 18. Dynastie zu entschlüsseln.
"Die 18. Dynastie war eine Zeit der großen kulturellen und politischen Revolution, aber sie markierte auch den Höhepunkt der ägyptischen Einbalsamierungs-Techniken", erklärt die an dem Projekt beteiligte Archäologin Jo Fletcher. Mit einer geheimen und komplexen Mischung aus Zutaten und Prozessen gelang es den Priestern, die Zersetzung fast vollständig zu stoppen. Aber welche Rezepturen und Verfahren wandten sie dabei an?
Durchbruch im Tal der Könige
Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, untersuchte Buckley gemeinsam mit Fletcher mumifizierte Leichen und analysierte Gewebeproben. Beim Studieren von Röntgenaufnahmen dreier besonders gut erhaltener königlicher Mumien im Tal der Könige in Ägypten entdeckten die beiden Wissenschaftler ungewöhnliche "Schneeflocken-ähnliche" Strukturen im Fleisch der Körper. Es sollte der entscheidende Hinweis sein, um die Mumifizierung eines Körpers erfolgreich durchführen zu können.
Dabei wurde Billis' Körper, nachdem ihm die inneren Organe – aber nicht das Gehirn – entnommen wurden, zur Austrocknung nicht wie bisher oftmals angenommen mit Natron belegt, da diese Prozedur laut Buckley nicht die "Schneeflocken" im Gewebe der Mumien verursacht haben kann. Stattdessen machte der Körper rund ein Monat lang ein Bad in einer Natron-Lösung, die im alten Ägypten vielseitig angewendet wurde. Eigentlich würde Wasser in der Regel die Zersetzung beschleunigen, aber die Natron-Lösung wirke laut Buckley anders. Der Chemiker wandte einen ägyptischen Trick an und schützte Billis' Körper mit einer Schicht aus natürlichen Zutaten, darunter Sesamöl und Bienenwachs.
Die exakte Konzentration der Natron-Lösung und die nötige Zeit in dem "Bad" waren weitere Details, für deren Perfektionierung Buckley Jahre wissenschaftlicher Versuche benötigte - und die Ägypter vermutlich Hunderte von Jahren. Nach dem Natron-Bad wurde der Körper dann zur Trocknung in eine eigens konstruierte Kammer gelegt, in der die hohe Temperatur und niedrige Luftfeuchtigkeit Ägyptens repliziert wurden. Abschließend wurde die Mumie in der gleichen Weise wie die Pharaonen mit Leinenbinden umwickelt.
Großer Erfolg für die Forschung
Nach drei Monaten können Buckley und sein Experten-Team von einem vollen Erfolg sprechen. Auch der forensische Anthropologe Professor Bill Bass, ein Experte für menschliche Zersetzung und Leiter einer berühmten "Body Farm" in den USA, ist von der Konservierung beeindruckt: "Etwas hat den Zerfallsprozess verlangsamt. Würden Sie mich fragen, wie lange der Körper dort gewesen ist, ich würde sagen, vielleicht maximal drei Tage. Er ist in gutem Zustand." Die moderne Mumie soll Forschern künftig tiefe Einblicke in Mumifizierungs- und Verwesungs-Prozesse ermöglichen.
Zufrieden mit dem Prozess ist auch Jan Billis, die Ehefrau des Spenders: "Ich bin die einzige Frau im Land, die eine Mumie zum Mann hat." Alan Billis selbst, der jetzt "Torquay-Tutanchamun" genannt wird, bedauerte vor seinem Ableben lediglich, das Ergbnis nicht mehr sehen zu können: "Schade, dass ich es nicht selbst sehen kann. Ich liebe Dokumentationen."
Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.