Einen schönen Donnerstagabend.
Mich lassen die Haare von Bildungsminister Martin Polaschek nicht mehr los, also nicht buchstäblich freilich, so lange waren sie dann doch nicht, aber dass ein Friseurbesuch heutzutage eine Meldung ist - ja, ich weiß, auch bei uns in der „Krone“, ich habe keine überlangen Stirnfransen, ich habe es gesehen - ist doch in Wahrheit zum Haareraufen. Er selbst hat sich mit seinem neuen Schnitt in Szene gesetzt, eine Auseinandersetzung mit seinem Kopfhaar auch an dieser Stelle ist also legitim. Für alle, die Polaschek vielleicht nicht sofort im Kopf haben: Vorher hat der Minister mit seiner Mähne ein bisschen ausgesehen wie eine Mischung aus Anna Wintour und dem Undertaker, jetzt trägt er Kurzhaarfrisur Marke Kleinstadtanwalt. In den sozialen Medien war Polascheks gestutzter Kopf aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, von vorne, leicht von der Seite, im Profil - sehr vorausschauend, von ÖVP-Ministern schon im Vorfeld Aufnahmen in Fahndungsfotoqualität anzufertigen.
Ich war bei den Fototerminen im Ministerium nicht anwesend, ich kann mir aber vorstellen, dass das Gespräch mitunter so verlaufen ist:
Polaschek: „Ich habe mich für den Mittelscheitel entschieden. Rechts geht in der Politik nicht, links habe ich einen Wirbel.“
Fotograf: „Aha. Jetzt setzen Sie sich bitte an Ihren Schreibtisch und tun so, als würden Sie sich auf den Herbst vorbereiten. Schauen Sie in den Menüplan oder so.“ *klick*
Polaschek: „Soll ich noch etwas Gel und Drei-Wetter-Taft in die Haare tun?
Fotograf: “Nein, bloß nicht, Sie glänzen ja jetzt schon wie ein Globus. Da ist ja die Frisur vom Kocher leichter zu fotografieren. Jetzt umdrehen, noch eines von hinten.“
Polaschek: “Das ist aber nicht gerade meine Schokoladenseite. Haha.“
Fotograf: “Brauchen wir für die Geschichte. Außerdem haben wir dann schon ein Bild für Ihren Rücktritt." *klick*
Vielleicht war es auch ganz anders, aber ich kenne solche Termine ein bisschen. Jedenfalls war mir nach Ansicht der Fotos nicht klar: Bewerbung als neues Fotomodel für die Fussl Modestraße oder für seine politischen Inhalte? Einen Plan für den Herbst habe man in allen Varianten, versprach Polaschek in der „Krone“, für den Zustand des Bildungssystems gab der Minister die Note 2. Ich wünschte, meine Lehrer hätten damals die Augen auch so zugedrückt wie er. Nachdem das haarige Kapitel jetzt geschlossen worden ist, kann sich der Bildungsminister endlich um folgende Baustellen kümmern: ein genaues Covid-Konzept für den Herbst (nicht nur Ankündigungen), mehr Luftfilteranlagen für die Klassen, Digitalisierungsoffensive in den Lehranstalten, die Lehrplanreform, Auswege aus der PISA-Pleite (24 Prozent der Schüler können kaum lesen) usw. Es ist längst an der Zeit, dass wir nicht mehr darüber diskutieren, was sich auf Polascheks Kopf abspielt, sondern darin.
Ich wünsche einen schönen Feierabend, so Sie einen haben.
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