Brutales Vorgehen

Syrien: Armee dringt in Rebellen-Hochburgen ein

Ausland
10.06.2011 15:57
Die syrische Armee hat am Freitag in der Provinz Idlib an der türkischen Grenze im Nordwesten des Landes eine Militäroffensive gegen Regimegegner begonnen. Die staatlichen Medien sprachen von einer Operation gegen "bewaffnete Banden" auf "Wunsch der Bevölkerung" und erklärten, diese hätten Heuschober angezündet. Hingegen meldeten Oppositionelle, die Sicherheitskräfte würden auf Demonstranten schießen, Dorfbewohner terrorisieren und Regimegegner misshandeln.

Anfang der Woche waren in der grenznahen Kleinstadt Jisr al-Shoghour nach offiziellen Angaben aus Damaskus 120 Soldaten und Polizisten getötet worden (siehe Infobox). Das Regime macht Extremisten dafür verantwortlich. Regimegegner aus dem Bezirk hatten dagegen berichteten, die Soldaten und Polizisten seien von Angehörigen der Sicherheitskräfte erschossen worden, weil sie sich Befehlen widersetzt hätten.

Die Oppositionellen meldeten auf ihren Internetseiten, die Armee sei am Freitag mit Panzern in den Ort eingedrungen. Es seien Schüsse zu hören gewesen. Telefonverbindungen seien gekappt worden. Aufnahmen des TV-Senders Al Arabiya zeigen Misshandlungen von Regimegegnern durch syrische Soldaten in der Rebellen-Hochburg Homs (Bilder).

Auf ihrem Weg nach Jisr al-Shugour bombardierte die syrische Armee laut einem Augenzeugen umliegende Dörfer, zündete Getreidefelder an und terrorisierte die Dorfbewohner. Die Staatsmacht behauptet, nur bewaffnete Banden festnehmen zu wollen und "auf Wunsch der Bevölkerung" nach Jisr al-Shugour gekommen zu seien. Doch die meisten Bewohner haben die Stadt aus Angst vor den Truppen von Präsident Bashar al-Assad längst verlassen. Wie Gegner des Regimes berichteten, sind zahlreiche Angehörige der Polizei und der Armee desertiert, weil sie nicht auf Zivilisten schießen wollten.

Zeugen: Sicherheitskräfte schießen erneut auf Demonstranten
Nach dem Freitagsgebet protestierten erneut Zehntausende Menschen gegen das Regime. Die Demonstranten verurteilten die Gewalt in dem Gebiet um Jisr al-Shughour. Oppositionskreise stellten Videos ins Internet, die auch Proteste in den Städten Aleppo, Daraa, Homs, Latakia, Bu Kamal, Kamishli und Deir al-Zor zeigen sollen.

Drei Augenzeugen zufolge eröffneten Sicherheitskräfte in Daraa das Feuer auf Tausende Demonstranten. Mindestens acht Menschen seien verletzt und von Jugendlichen in ein improvisiertes Lazarett gebracht worden. Einwohner in dem Dorf Busra al-Harir erklärten, dort seien zwei Demonstranten erschossen worden. Die Sicherheitskräfte hätten aus dem Auto heraus gefeuert, hieß es.

Die Aktivisten veröffentlichten in ihren Internetforen zudem ein neues Video, auf dem ein Mann in Uniform zu sehen ist, der erklärt, er sei nicht mehr bereit, in der syrischen Armee zu dienen. Dies begründet er mit den Angriffen auf unbewaffnete Demonstranten. Er sagt: "Die freie syrische Armee soll gegen den Feind kämpfen und nicht gegen das wehrlose Volk." Die staatliche Nachrichtenagentur SANA trat diesem Bericht entgegen, indem sie den "Augenzeugenbericht" eines Mannes veröffentlichte, der behauptete, er sei von jungen Männern in der Provinz Idlib gezwungen worden, ein solches Video aufzunehmen.

Iranische Soldaten an Gewalt in Syrien beteiligt?
Aus Furcht vor einer Militäroffensive waren aus der Region in den vergangenen Tagen nach Angaben der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu schon mehr als 2.800 Menschen in die benachbarte Türkei geflüchtet. Aktivisten warnten, dass sich unter die Flüchtenden auch einige Mitarbeiter des syrischen Geheimdienstes gemischt hätten.

Viele verletzte Syrer, die sich bis in das Nachbarland durchschlagen konnten, bezeugen, beim Vorgehen gegen Demonstranten iranische Soldaten neben syrischen Sicherheitskräften gesehen zu haben. Der Iran bestreitet freilich, in die Unterdrückung der Protestbewegung in Syrien verwickelt zu sein. Doch die syrischen Augenzeugen haben zahlreiche Indizien: "Sie trugen einen Bart, obwohl das in der syrischen Armee verboten ist", erzählt ein Mann namens Mustafa. Und sie trugen schwarze Uniformen - solche gibt es in Syriens Militär aber nicht.

In einem zweiten Krankenhaus in Antakya im Süden der Türkei erzählt auch der 17-jährige Student Akram von den "Männern in Schwarz". In jener besonders blutigen Woche rund um den 20. Mai hätten sie auf Bewohner in seinem Dorf nahe Idlib geschossen. "Das waren alles Scharfschützen", sagt der Syrer, der selbst am Bein getroffen wurde. "Und sie hatten Waffen, die wir hier noch nie gesehen haben." Akram ist sich sicher: "Das waren Iraner. Das waren Bassij-Milizen." Die regierungstreue iranische Bassij-Miliz untersteht den Revolutionsgarden.

"Ich weiß nicht, ob es Iraner waren, aber Syrer waren es nicht"
Männer mit langen Bärten und rasierten Schädeln hat auch der 23-jährige Velit gesehen. Sie hatten auf ihn geschossen, als er Verletzten helfen wollte. "Das waren riesige, robuste Kerle." Zwar will er sich nicht festlegen, dass es Iraner waren. "Aber Syrer waren das nicht." Auch zu einer Sondermiliz des syrischen Militärs, die schwarze Uniformen trägt, gehörten sie nicht. "Die kennen wir."

Da ausländischen Journalisten der Zutritt zu Syrien verwehrt wird, ist es beinahe unmöglich, die Berichte zu prüfen. Doch bereits Ende Mai hatte die "Washington Post" berichtet, der Iran berate Syrien bei der Unterdrückung der Proteste gegen Staatschef Bashar al-Assad. So soll Teheran "Experten" nach Damaskus entsandt haben, hieß es aus US-Regierungskreisen. Syrien ist der wichtigste Verbündete des Iran in der Region.

Internationales Rotes Kreuz verlangt Zugang zu den Verletzten
Bisher wurden 100 Verletzte aus Syrien in Krankenhäuser der türkischen Grenzprovinzen behandelt. Der türkische Rote Halbmond errichtete bei Altinözü in der Provinz Hatay inzwischen eine dritte Zeltstadt, die bis zu 5.000 Menschen Platz bieten soll. 

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz verlangte vom syrischen Regime den sofortigen Zugang zu den Opfern der Gewalt im Land sowie zu allen Gefangenen. "Trotz wiederholter Anfragen an die syrischen Behörden haben wir nicht wirklich Zugang zu schutzlosen Personen erhalten", so IKRK-Präsident Jakob Kellenberger am Freitag in einem in Genf verbreiteten Communique. IKRK-Personal stehe bereit, um in betroffene Regionen zu reisen und jenen Menschen Schutz und Hilfe zu bieten, die dies benötigten. Auch wolle das IKRK Behandlung und Haftbedingungen von Gefangenen überprüfen.

Türkei will Pufferzone für Fluchtlinge errichten
Die Türkei kündigte indes an, eine Pufferzone an der Grenze zu Syrien errichten zu wollen, falls sich der Zustrom von Flüchtlingen aus Syrien noch deutlich ausweite. Die Zeitung "Hürriyet" zitierte einen Vertreter des Außenministeriums mit den Worten, die Schaffung einer solchen Zone sei eines der Szenarien, falls Hunderttausende Syrer in dem Land Zuflucht suchen sollten.

Die Unterstützung für das Regime von Präsident Assad hat der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan bereits aufgekündigt. Mehrfach habe er vergeblich zu grundlegenden Reformen und einer friedlichen Lösung aufgerufen, erklärte Erdogan laut türkischen Medienberichten. Er kritisierte das Vorgehen der syrischen Sicherheitskräfte gegen Demonstranten ungewohnt scharf. In einem Fernsehinterview am Donnerstagabend warf der Ministerpräsident dem syrischen Regime "Gräueltaten" an der Zivilbevölkerung vor. Die Sicherheitsbehörden verhielten sich "nicht menschlich".

Für die Türkei, die eine fast 900 Kilometer lange Grenze zu Syrien hat, sei der Konflikt in dem Nachbarland wie eine innere Angelegenheit, sagte Erdogan. Auch könne sein Land Flüchtlingen, die sich vor Gewalt retten wollten, nicht einfach die Tür zusperren.

Seit der Aufstand gegen das Regime von Präsident Assad im März begonnen hat, wird vonseiten der Regierung mit brutaler Härte gegen Regimegegner vorgegangen. Die genaue Zahl der Todesopfer ist unklar, Menschenrechtsorganisationen sprechen von über 1.300 Toten und über 10.000 Verhafteten.

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