Di, 21. August 2018

Randale in Belgrad

30.05.2011 08:58

Ausschreitungen bei Protesten gegen Mladic-Auslieferung

Bei Protesten gegen die Festnahme des einstigen Militärchefs der bosnischen Serben, Ratko Mladic, ist es Sonntagabend zu Ausschreitungen im Belgrader Stadtzentrum gekommen. Nach Angaben des Polizeidirektors Milorad Veljovic wurden mehr als 70 Randalierer festgenommen, wie der Sender "B-92" berichtete. Sieben Menschen wurden verletzt.

"Verrat" war wohl das meistwiederholte Wort in Belgrad. Zu der Protestkundgebung gegen die Festnahme Mladic' hatte die ultranationalistische Serbische Radikale Partei (SRS) aufgerufen. An dem Protest, an dem sich mehrere tausend Menschen - die Veranstalter erwarteten etwa 10.000 Teilnehmer - beteiligten, nahmen auch Vertreter rechtsextremistischer Organisationen wie "Obraz", zu Deutsch Antlitz, teil. Ihr Chef, Mladen Obradovic, der ebenfalls dabei war, war erst vor Kurzem zu einer Haftstrafe wegen Ausschreitungen bei der ersten Schwulenparade in Serbien im vergangenen Oktober verurteilt worden. Das Berufungsverfahren ist noch im Gange.

Rücktritt Tadic' gefordert
"Tadic ist nicht Serbien", stand auf einem Spruchband auf der Rednerbühne vor dem Parlament, gemeint ist Serbiens Präsident Boris Tadic. Verlesen wurde auch ein Schreiben des SRS-Chefs Vojislav Seselj, der sich selbst seit 2003 im Gefängnis des UNO-Tribunals befindet und am Sonntag den Rücktritt Tadic' und seines "Marionettenregimes" forderte. Die Zusammenarbeit mit dem UNO-Tribunal sei ein Verrat an Serbien, an seinen nationalen Interessen, verkündete der Ultranationalist.

Der studierte Jurist verteidigt sich vor dem Haager Gericht wegen Kriegsverbrechen in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und der nordserbischen Provinz Vojvodina. An der Kundgebung nahmen sowohl die Familie von Seselj als auch jene von Mladic teil. Der frühere Militärchef der bosnischen Serben hatte an die Protestteilnehmer nach Angaben der Behörden, aber auch seiner Familienangehörigen appelliert, Gewalt und Krawalle zu vermeiden. Die Demonstranten trugen die blauen SRS-Parteiflaggen und Bilder von Seselj und Mladic.

Polizei mit Steinen und Flaschen beworfen
Zu den Krawallen kam es, als zuerst eine kleinere Gruppe von Demonstranten die Polizei mit Steinen, Flaschen und anderen Gegenständen bewarf und selbst Aufforderungen der Veranstalter des Protestes zur Ruhe nicht befolgte. Gegen 22 Uhr sei es im Stadtzentrum wieder ruhig gewesen. Die Polizei hatte die Situation vollkommen unter Kontrolle, versicherte Polizeichef Veljovic gegenüber Medien.

Schon in der Vergangenheit haben die Ultranationalisten wiederholt für Krawalle bei Kundgebungen gesorgt. Zuletzt kam es dazu am Rande einer Schwulenparade im vergangenen Oktober. An gewaltsamen Protesten waren diese Organisationen zudem auch nach der Festnahme des früheren Präsidenten der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, im Juli 2008 und einige Monate zuvor nach der Verkündung der Unabhängigkeit des Kosovo beteiligt gewesen.

Proteste im Geburtsort Mladic'
Doch nicht nur in Belgrad versammelten sich Befürworter Mladic‘, auch in seinem Geburtsort Kalinovik kamen Tausende Menschen zusammen, um ihre Soilidarität und Unterstützung auszudrücken. "Ihr habt uns den Adler genommen, das Nest ist geblieben", lautete eine der Parolen bei der Protestaktion in dem Dorf im Südosten Bosnien-Herzegowinas. An der Einfahrt in die Gemeinde stand auf einem Spruchband geschrieben: "Willkommen in Mladic-Stadt, wir alle sind Ratko", berichtete der staatliche TV-Sender RTRS in Banja Luka.

Großteil der Serben gegen Auslieferung Mladic'
Jüngste Meinungsumfragen zeigten, dass ein Großteil der Serben nicht für eine Auslieferung Mladic' an das UNO-Tribunal eintritt. Dennoch haben verhältnismäßig wenige an den Protesten teilgenommen. Es sei schwer vorstellbar, dass die Unzufriedenheit zu einem kollektiven politischen Aufstand werden könnte, bewertete der Belgrader Psychologe Zarko Trebjesanin die Lage am Wochenende.

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