10.11.2021 11:55 |

krone.at-Kolumne

Ego vor Solidarität

Es ist schon spannend, dass erst die Drohung des ausbleibenden Mittagsschnitzels den heiß ersehnten Run auf die Impfzentren bewirken konnte. Bei der Aussicht auf den Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Leben wird offenbar selbst aus einem Kritiker ein Geimpfter. Was sagt das über uns Österreicher aus?

Selbst die bloße plötzliche Ankündigung der neuen 2G-Verordnung hat gereicht, um die Impfquote ordentlich zu boosten. Alleine am vergangenen Samstag - also kurz vor Inkrafttreten des „Freizeit-Lockdowns“ für Ungeimpfte - haben sich rund 10.000 Menschen das erste Jaukerl geben lassen. Pandemisch gesehen ist das ja mehr als erfreulich. Gesellschaftlich gesehen lässt es den interessierten Beobachter aber ratlos zurück.

Schnitzel-Entzug wirkt
Denn das lässt unweigerlich den Schluss zu, dass dem Österreicher der Wirtshausbesuch dann doch wichtiger ist als die viel propagierte körperliche Unversehrtheit. Anders ist der plötzliche Andrang auf die Impfbusse angesichts der 2G-Maßnahme nicht zu erklären. Das monatelange Predigen von Solidarität und des „Aufeinander Schauens“ hätte man sich also getrost sparen können. Ein Schnitzel-Entzug ist viel effizienter.

Wo sind die Balkonkonzerte?
Das passt zu der Beobachtung, dass seit geraumer Zeit im ganzen Land spürbar ist, dass von der Solidaritätswelle zu Beginn der Pandemie offenbar nicht viel geblieben ist. Die Balkonkonzerte sind verstummt und der Applaus für die Helden der Krise ist schon lange verhallt. Stattdessen grassiert neben Covid auch gegenseitiges Misstrauen. Diese Gemengelage ist der perfekte Nähboden für nackte Egoismen. Jetzt heißt es nur noch: „Schau selber auf dich, ich schau auf mich.“

Politiker müssen Solidarität vorleben!
Das macht natürlich nachdenklich. Kein Wunder, dass Bundespräsident Alexander Van der Bellen zur Überwindung offener Gräben aufruft. Der Haken daran: Das ist leichter gesagt als getan. Wie soll eine Gesellschaft Solidarität lernen, wenn man durch die vergangenen Wochen den berechtigten Eindruck gewinnen konnte, dass selbst Politiker ihre egoistischen Motive vor das Wohl der Menschen stellen? Ein echtes Wir-Gefühl lebt ja keiner vor!

Wozu Egoismen gut sind …
Nichtsdestotrotz hat die unverhohlene Ich-Zentriertheit in unserer Gesellschaft auch etwas Gutes. Nur durch das Kitzeln der Egoismen und den drohenden persönlichen Verzicht kann auch noch der letzte Österreicher zum Jaukerl bewegt werden. Wenn es das braucht, um die Impfquote zu heben - na ollawei! Letztendlich zählt ja das Ergebnis.

Katia Wagner
Katia Wagner
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