07.09.2021 08:54 |

„Krone“-Kolumne

Über die Solidarität mit feministischen Muslimas

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller über die aktuelle Solidarität mit feministischen Muslimas.

Mit Plakatsprüchen wie „Ich mag Frauen, ich mag Männer. Und meinen Glauben!“, möchte die Ibn Rushd Goethe Moschee in Berlin einen progressiven und zeitgemäßen Islam verbreiten. Die Moschee hat eine Anlaufstelle Islam & Diversity eingerichtet, aktuell läuft die Kampagne „Liebe ist halal“. Ziel der Kampagne ist es, eine Debatte über die Auslegung des Korans und generell der Schriften monotheistischer Religionen anzustoßen. Denn die religiösen Texte seien immer im Kontext ihrer Zeit zu interpretieren. Und dabei werde klar, dass gleichgeschlechtliche Liebe religiös nicht verboten sei. Im Koran werde Homosexualität gar nicht erwähnt, sagt die Juristin und feministische Muslima Seyran Ateş, die die Kampagne initiiert hat. Gott habe den Menschen Liebe geschenkt, und Liebe sollten die Menschen leben. Liebe sei also halal, d.h. erlaubt. Gleichgeschlechtliche Liebe sei davon nicht ausgenommen.

Religiöse Menschen mit gleichgeschlechtlichem Begehren müssen sich damit nicht zwischen ihrer Liebe und ihrem Glauben entscheiden. Und überhaupt sei Sexualität und Religion per se kein Widerspruch. Ateş betont allerdings, dass der Islam diesbezüglich ein ambivalentes Verhältnis zu seiner eigenen Geschichte habe: So gibt es nicht nur erotische Beschreibungen heterosexueller Begegnungen in 1001 Nacht, sondern in der Geschichte des Islam seien auch homoerotische Gedichte verbreitet gewesen. Die Erinnerung an diese Geschichte der Erotik und Sexualität im Islam würde jedoch von konservativen Religionsvertretern verdrängt. Seyran Ateş konnte beim interdisziplinären Sexualmedizin-Kongress im Wiener AKH diese Woche nur unter Personenschutz vortragen, weil ihre Positionen umstritten sind und sie dafür nicht nur Zuspruch, sondern auch Morddrohungen erhält.

Feministische Frauen haben es in den meisten Religionen nicht leicht, obwohl sie Teil der Vielfalt innerhalb der großen Religionsgruppen sind. Sie machen sich unter schwierigen Bedingungen für Frauenrechte und sexuelle Vielfalt in ihren religiösen Gemeinschaften stark. Die aktuelle Solidarität mit feministischen Muslimen in aller Welt ist spürbar. Es ist aber fraglich, ob es ihnen mehr als symbolische Unterstützung gebracht haben wird, wenn die Aufmerksamkeit wieder vorbei ist.

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Barbara Rothmüller
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