25.03.2021 15:34 |

„Erhebliches Risiko“

Forscher fürchten Radikalisierung bei Corona-Demos

Deutsche Wissenschaftler äußern ihre Sorge vor einer weiteren politischen Radikalisierung bei den Corona-Protesten. Die Teilnehmer seien „überdurchschnittlich offen für Verschwörungstheorien“ argumentieren sie. Zustimmung erhielten die Demonstrationen aber nicht nur vom „rechten Rand“, sondern auch von einer politischen Mitte, die sich von den etablierten Parteien nicht repräsentiert sieht und der Politik misstraut.

Bei einer Umfrage unter mehr als 5000 Menschen im Zeitraum zeigte sich erstmals ein umfassender Überblick darüber, in welchem Ausmaß die Proteste gegen staatliche Corona-Maßnahmen Anklang und Anhänger fanden. Die Wissenschaftler des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) schließen daraus ein erhebliches und stabiles Mobilisierungspotenzial.

Extreme politische Ränder stark vertreten
So äußerte etwa jeder zehnte Befragte Bereitschaft, sich an den Aktionen zu beteiligen oder hatte dies bereits getan. Jeder Fünfte zeigte sogar großes oder sehr großes Verständnis für die Demonstrationen. Mehr als 60 Prozent der „Protestversteher” sahen sich dabei in der politischen Mitte - dort verortete sich aber auch ein ähnlich hoher Anteil an Personen, die kein Verständnis für die Corona-Proteste zeigten.

Eine ganz wesentliche Gruppe der „Protestversteher” sei dabei den extremen politischen Rändern zuzuordnen: 12,5 Prozent verorteten sich dabei selbst am extremen Rand des ideologischen Spektrums, der größere Teil davon (7,5 Prozent) gar am rechtsextremen Rand. Wären am Sonntag Wahlen, würde etwa ein Viertel der „Protestversteher” die AfD wählen.

„Vernachlässigte Mitte” fühlt sich nicht vertreten
Noch mehr von ihnen (knapp 35 Prozent) würden sich dabei für keine der derzeit vertretenen Parteien entscheiden. Zusammengenommen bestanden zwei Drittel des Anti-Corona-Mobilisierungspotenzials aus Teilen dieser „vernachlässigten Mitte“ und aus Anhängern der AfD.

Dabei eint die „Protestversteher“ ein starkes Misstrauen gegenüber der Deutschen Bundesregierung und die Sorge um Freiheitseinschränkungen. „Beides bildet die politische Basis der Corona-Proteste“, erläuterte Swen Hutter, Stellvertretender Direktor des Zentrums für Zivilgesellschaftsforschung am WZB.

Querdenker sorgen für Rechtsruck
Mit der zunehmenden Bedeutung der sogenannten Querdenker im Corona-Protest fand der Studie zufolge im vergangenen Sommer auch ein Rechtsruck im Mobilisierungspotenzial statt. Während das Verständnis für den Protest in der radikalen Linken nach der ersten Protestwelle von 21,5 Prozent im Juni/Juli auf 8,2 Prozent im August zurückging, stieg die Zustimmung bei radikal rechts positionierten Befragten von gut 30 auf 40 Prozent.

Glaube an den „großen Austausch“
Wegen der großen Bedeutung von Verschwörungstheorien messen die Forscher dem Corona-Protest auch ein erhebliches Radikalisierungspotenzial bei. Rund 15 Prozent der „Protestversteher“ glauben demnach uneingeschränkt der zentralen Verschwörungserzählung der Neuen Rechten vom angeblich geplanten „großen Austausch“ der Bevölkerungsmehrheit - 40 Prozent billigen ihr eine gewisse Glaubwürdigkeit zu.

Dagegen schenkten fast 70 Prozent der Befragten mit wenig oder keinem Verständnis für die Proteste Verschwörungstheorien keinen Glauben.

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