26.11.2020 09:57 |

Netflix-Hit im Check

Garri Kasparow wählte Partien in „Damengambit“ aus

Schach kommt in Film und Fernsehen häufig vor, wird aber oft unstimmig oder irreführend dargestellt. Dass im Netflix-Hit „Das Damengambit“ fast alles glaubwürdig ist, was auf dem Brett passiert, ist den Beratern der Serienmacher zu verdanken. Die Züge der Heldin Beth Harmon stammen aus Großmeister-Partien, die der frühere Weltmeister Garri Kasparow ausgewählt hat. 

Sich am Brett wie echte Turnierspieler zu verhalten, dabei half der New Yorker Schachlehrer Bruce Pandolfini den Schauspielern. Bücher, Figuren und Schachuhren aus den 60er-Jahren tragen zur Authentizität bei. Unrealistisch ist hingegen, wie rasch Beth Harmon fast ohne Rückschläge an die Weltspitze aufsteigt. Selbst ein Remis, wie das im Spitzenschach häufige Unentschieden heißt, wird dem Netflix-Publikum nicht zugemutet. Die Männer, die die Serienheldin schlägt, reagieren höflich und anerkennend. Von realen Gegnern wäre einer echten Beth Harmon, gespielt von der argentinisch-britischen Schauspielerin Anya Taylor-Joy in dem Fall Sexismus entgegengeschlagen, sagen viele Kenner der Schachwelt. Das ist der tiefere Grund, warum Spieler die Serie so lieben. „Das Damengambit“ zeigt die Schachszene wie sie gerne wäre.

Rekord unter den Netflix-Miniserien
Die Handlung der Netflix-Serie „Das Damengambit“ ist eigentlich in einem Satz erzählt: Ein Mädchen lernt im Waisenhaus das Schachspielen und stellt später die Welt der Großmeister auf den Kopf. Dennoch ist sie so raffiniert und hinreißend in Szene gesetzt, dass sie dieser Tage die Welt erobert. Im ersten Monat haben mehr als 60 Millionen Haushalte die Literaturverfilmung in sieben Teilen gestreamt. Das bedeutet einen Rekord unter den Netflix-Miniserien.

Im Mittelpunkt stehen Kindheit und Jugend der Heldin Beth Harmon (Anya Taylor-Joy) im Kentucky der 1950er und 1960er. Ihren Vater hat sie nie gekannt, ihre seelisch kranke Mutter starb bei einem Autounfall, als Beth klein war. Das stille Mädchen hat von der Mutter eine mathematische Genialität geerbt. Im Waisenhaus entdeckt Beth ihre besondere Begabung aber erst, als der verschlossene Hausmeister Shaibel (Bill Camp) ihr widerwillig das Schachspielen beibringt.

Wie jedes richtige Wunderkind im Schach braucht Beth Harmon weder Brett noch Figuren, um sich die in den nächsten Zügen möglichen Konstellationen vorzustellen. Während die anderen im Waisenhaus schlafen, visualisiert sie Schachfiguren riesig an der Zimmerdecke - der einzige in die Augen springende technische Effekt der Serie.

Am Schachbrett des Hausmeisters im Keller entdeckt die Achtjährige das Spiel Zug um Zug und entflammt für diesen Denksport. Im Lauf der US-Dramaserie besiegt Beth einen Gegner nach dem anderen. Doch ihr größter Gegner ist in ihrem Kopf: die Sucht nach Beruhigungsmitteln.

Märchen für Erwachsene
Anya Taylor-Joy - bekannt aus dem Horrorfilm „The Witch“ - verkörpert die Hauptrolle brillant. Katzenhaft mustert sie ihre Gegner und bewegt die Schachfiguren. Doch ist sie allein, gerät sie oft in bodenlose Abgründe der Verzweiflung.

Um diesem Märchen für Erwachsene die Optik der Romanvorlage zu verleihen, wurden weite Strecken der Serie in Berlin gedreht, das viel mehr wie das Kentucky, Paris oder Moskau der 60er Jahre aussieht als es etwa das heutige Lexington - Heimat von Beth Harmon - hergeben würde. So können Zuschauer die Karl-Marx-Allee erkennen, die in den 50er Jahren im Stil des sozialistischen Klassizismus errichtet wurde. Die Waisenhausfassade gehört zu Schloss Schulzendorf südlich Berlins.

Walter Tevis, Autor der Serien-Vorlage, wuchs selbst in Kentucky auf. Er wurde während eines Heimaufenthalts tablettensüchtig, konnte mit Gleichaltrigen nichts anfangen und flüchtete als Jugendlicher in ein Spiel. In seinem Fall war es Billard. Mit „Haie der Großstadt“, 1961 prominent verfilmt, gelang Tevis der Durchbruch als Schriftsteller. 

In jener Zeit machte ein junger Schachspieler aus Brooklyn namens Bobby Fischer von sich reden. Auch Tevis entdeckte Schach. Seine Beth Harmon schuf er später in vieler Hinsicht als idealisierte, weibliche Version von Fischer. Als der 1972 Weltmeister wurde, boomte das Spiel in den USA. Schachsets waren ausverkauft, Schachlehrer ausgebucht.

Das wiederholt sich gerade. Seit vier Wochen ist „Das Damengambit“ die meistgesehene Netflix-Serie weltweit und schaffte es in 63 Ländern auf Platz eins, wenn auch bisher nicht in Deutschland. Und auch das Buch schlägt ein: 37 Jahre nach seinem Erscheinen hat es der Walter-Tevis-Roman in die „New York Times“-Bestsellerliste geschafft.

Schach boomt
Schachvereine und die wenigen verbliebenen Schachcafés sind derzeit geschlossen, aber online hat „Das Damengambit“ dem seit dem ersten Lockdown boomenden Brettspiel einen Kick gegeben. Auf Plattformen wie chess.com oder LiChess haben sich die Neuregistrierungen in den vergangenen Wochen verfünffacht. Großmeisterinnen sind derzeit gefragte Interviewpartner. 

Beth Harmon wird wohl zum „Schachspieler des Jahres“ gewählt und nicht Profi Magnus Carlsen. Als der Weltmeister seine kürzlich gestarteten Champions-Chess-Onlineturniere promotete, wurde er vor allem nach „Das Damengambit“ gefragt. Die Serie sei toll, sagte Carlsen, aber leider nicht ganz realistisch.

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