21.11.2020 06:00 |

Entscheidende Wochen

Anschober: „Lockdown darf nicht verlängert werden“

Wie so oft klingt einiges bei Gesundheitsminister Rudolf Anschober anders als bei Kanzler Sebastian Kurz. „Wir meinen aber dasselbe“, betont der Grüne im „Krone“-Interview. Und er spricht über entscheidende Wochen, über den Plan für die Wiederöffnung im Dezember sowie über seinen runden Geburtstag.

„Krone“: Herr Minister, Österreich hat sich lange selbst als Corona-Musterschüler dargestellt. Jetzt haben wir, bezogen auf die Einwohnerzahl, weltweit die höchste Neuinfektionsrate. Was ist da schiefgelaufen?
Rudolf Anschober: Europa ist derzeit das Epizentrum, auch in Israel, einst Corona-Vorzeigeland, gab es eine explosionsartige Zunahme. Die zweite Welle ist gewaltiger als die erste. Den Grund kennen wir noch nicht.

Die letzten Verschärfungen der Corona-Maßnahmen kamen zügig hintereinander. Deutschland hingegen wartet noch ab, wie sich die bisher gesetzten Schritte auswirken. Hätte Österreich das nicht auch machen können?
Leider nein, jeder zusätzliche Tag des Abwartens hätte die Situation in den Krankenhäusern und auf den Intensivstationen noch schlimmer gemacht. Der weiche Lockdown hat weniger gebracht als erwartet. Eine Zahl zwischen 6000 und 7000 Neuinfektionen pro Tag halten wir nicht lange durch. Wir müssen ohne Triage durchkommen, die nächsten zwei Wochen sind entscheidend.

Kanzler Sebastian Kurz hat Massentests nach dem Vorbild der Slowakei angekündigt. Wie soll das funktionieren?
Wir wollen möglichst viele Menschen testen. Es gibt mehrere Möglichkeiten; etwa den Zugang zu Tests zu erleichtern - es wird ja auch bei Ärzten und in Apotheken getestet - Zielgruppen-Tests oder auch echte Flächentests, bei denen man bewusst auf die Menschen zugeht.

Bei Ihnen klingt das anders als beim Bundeskanzler und nicht nach Massentest.
Wir haben eine unterschiedliche Art der Kommunikation, meinen aber dasselbe. Es geht nicht um Überschriften oder darum, wie das Ding heißt, sondern darum, dass die Tests regelmäßig wiederholt werden.

Sie haben betont, dass die Tests freiwillig sein werden. In der Slowakei war das offiziell auch so, wer allerdings kein negatives Attest vorweisen konnte, musste sich isolieren. Wird das bei uns auch so sein?
Nein. Es wird eine echte Freiwilligkeit geben. Wir wollen möglichst viele Infizierte erkennen und durch eine kurze Quarantäne von zehn Tagen aus dem Infektionskreislauf herausziehen.

Wenige Tage vor dem harten Lockdown hat der Handel mit Sonderangeboten für volle Geschäfte und Schlangen auf der Straße gesorgt. Sozusagen Einkaufs-Corona-Partys. Hätte man das nicht unterbinden müssen? Laut dem Kanzleramt sind die Gesundheitsbehörden dafür zuständig.
Wie soll man ein Lockangebot verhindern? Wir erwarten in einer Notsituation, dass man jegliches Risiko verhindert. Da brauchen wir endlich die Mithilfe aller. Diese Unterstützung steigt enorm in den letzten Tagen, weil die Bilder aus den Intensivstationen mobilisieren.

Entschuldigung, aber die Regierung kann ein ganzes Land herunterfahren, alles zusperren und Ausgangsbeschränkungen erlassen, aber gegen Menschenmassen an den letzten Einkaufstagen kann man nichts machen?
Das bringt uns zu der Frage, wie wir wieder aufsperren. Wir arbeiten an einem großen Konzept für eine gesicherte Öffnung. Der 8. Dezember und die Einkaufssamstage werden Teil des Konzepts sein.

Besonders heftig werden die Schulschließungen kritisiert. Im internationalen Vergleich ist Österreich da besonders streng, die meisten Länder lassen Kindergärten, Volksschulen und die Unterstufe ganz normal weiterlaufen. Warum geht Österreich da einen eigenen Weg?
Das ist keine einfache Situation. Es gibt unterschiedliche wissenschaftliche Studien, die zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Die Frage für uns war: Können wir es uns leisten, den Unterricht in den Schulen normal fortzusetzen? Wir gehen mit einem kurzen harten Lockdown jetzt auf Nummer sicher. Klar ist aber, dass es keine Verlängerung geben darf - und Betreuung sowie Lernübungen in den Schulen möglich sind.

In der Koalition hat man öfter den Eindruck, dass der eine nicht weiß, was der andere macht. Sei es bei der Sonderbetreuungszeit, der Hacklerregelung oder dem Anti-Terror-Paket. Müssen die Grünen der ÖVP hinterherhecheln?
Die Bereiche, die Sie ansprechen, sind große Fragen, da gibt es Diskussionsbedarf. Es ist nicht verwunderlich, dass wir nicht immer in der ersten Sekunde derselben Meinung sind, aber die Zusammenarbeit funktioniert gut. Wir kommen rasch zu guten Lösungen.

Definitiv nicht gut funktioniert es bei den Wiener Grünen. Dort wurde gegen die Parteichefin, die das beste Ergebnis bisher eingefahren hat, geputscht. Die Bundespartei schweigt dazu. Sie waren immerhin auch auf den Wahlplakaten zu sehen.
Birgit Hebein hat einen tollen Wahlkampf gemacht. Es war die Entscheidung der Wiener Grünen, sich neu aufzustellen. Ich kenne die Hintergründe und Details nicht.

Zum Abschluss etwas Persönliches: Sie feiern am Samstag Ihren 60. Geburtstag. Alles Gute! In diesem Alter denken andere schon an die Pension. Wie sieht das bei Ihnen aus?
Ich fühle mich privilegiert, ich darf in der größten Krise seit Jahrzehnten mit ruhiger Hand meinen Beitrag leisten, damit wir relativ gut durch die Krise kommen. Mein Vorteil ist, dass ich keine weiteren Karrierepläne habe. Ich versuche, mit aller Kraft das Beste aus meiner Berufung zu machen, die derzeit eine enorme Herausforderung ist. Da komme ich, ehrlich gesagt, nicht zum Nachdenken über Alter, Pension und Ähnliches.

Doris Vettermann, Kronen Zeitung

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