Vermarktungswelle

Rettung von Chile erscheint bald als Buch und Film

Ausland
13.10.2010 10:58
Eine wahre Geschichte voller Spannung und Emotionen mit der Aussicht auf einen glücklichen Ausgang: Das Drama um die rund zehn Wochen lang in der chilenischen Mine San Jose gefangenen 33 Bergleute bietet den idealen Stoff zum Träumen. Mehrere Bücher und Dokumentarfilme sowie ein Spielfilm sind daher bereits in Planung über das Drama 700 Meter unter der Erde.

"Das ist ein Märchen, das weitergeht, eine Geschichte, die alle Elemente eines epischen Romans bietet", erklärt der Kommunikationswissenschaftler Mauricio Tolosa aus Santiago. Das tragische Unglück am 5. August, die unverhoffte Entdeckung der Verschütteten nach 17 Tagen bangen Wartens und schließlich die spektakuläre Bergung der Minenarbeiter: Angesichts von so viel Dramatik sei die Faszination der Medien verständlich.

"Diese Geschichte ist unglaublich", sagt auch der chilenische Filmemacher Rodrigo Ortuzar, der bereits an einem halbdokumentarischen Spielfilm arbeitet. "Sie sind gefangen in 700 Meter Tiefe, dies wird sie verändern. Sie bilden eine eigene Gesellschaft. All das ist atemberaubend." Für den Soziologen Rene Rios von der Katholischen Universität liegt die Anziehungskraft des Dramas in der Mischung aus Gefühlen und Taten: Angst, Hoffnung, Erleichterung - und die planerische und technische Meisterleistung bei der Bergung.

Jede Wendung wurde per Kamera übertragen
Jede Wendung der Geschichte wurde von den allgegenwärtigen Kameras übertragen. Die Bergarbeiter selbst übermittelten Videoaufnahmen aus der Tiefe, auch ihre Familien trugen zu dem Medienauftrieb bei. Sie hätten rasch begriffen, dass sie das Medieninteresse wach halten müssten, um Druck bei Suche und Bergung aufrechtzuerhalten, sagt Eduardo Santa Cruz vom Institut für Kommunikation der Universität Chile.

Das Drama hat die Aufmerksamkeit auch auf die sonst weitgehend unbeachtete, armselige Minenstadt Copiapo gelenkt, in der viele der Verschütteten und ihre Familien wohnen. Nahe dem Krankenhaus, in dem die Bergleute zunächst untersucht werden, hat die Stadt eine riesige Leinwand errichtet, auf der jede Minute der Rettung übertragen werden soll. Einige Anrainer vermieteten ihre Wohnungen mit Blick auf das Krankenhaus für 120 Dollar pro Tag an Journalisten, berichtet ein Kioskbesitzer.

"Wie eine Reality-Show"
Angesichts solcher Auswüchse wird auch Kritik laut. "Die Geschichte folgt manchmal den Regeln einer Reality-Show", sagt Tolosa. "Eine eingeschlossene Gruppe, eine Kamera, die ihnen folgt, und eine Auswahl an Bildern, bei der niemand weiß, nach welchen Kriterien sie getroffen wird." Anders als bei einer Reality-Show aber gebe es keine ausdrückliche Zustimmung der Bergleute zur Verbreitung der Bilder.

Andere weisen darauf hin, die Medien projizierten das Bild eines effizienten, solidarischen und vereinten Landes, was nicht der Wirklichkeit entspreche. Die chilenische First Lady Cecilia Morel sagte etwa, "die Odyssee der Bergleute" habe "in Chile eine einzige Familie geschaffen". Für ihren Ehemann, Präsident Sebastian Pinera, ist das Drama "fast therapeutisch" für das Land und "ein großer Segen". Um zu erfahren, wie die Eingeschlossenen selbst ihre Gefangenschaft empfanden, wird man auf das Buch von Victor Segovia warten müssen. Der Minenarbeiter begann in 700 Meter Tiefe eine Chronik der 33.

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