15.08.2020 08:31 |

Blumen für Soldaten

Minsk: Erneut Zehntausende Menschen bei Protesten

Trotz der Freilassung vieler Gefangener in Weißrussland haben am Freitag erneut Zehntausende Menschen auf dem Unabhängigkeitsplatz in Minsk friedlich gegen Polizeigewalt, Behördenwillkür und die mutmaßliche Fälschung der Präsidentenwahl unter Staatschef Alexander Lukaschenko demonstriert. Auf Bildern war zu sehen, wie Soldaten am Regierungssitz ihre Schilde aus Solidarität mit den Menschen senkten. Frauen schenkten ihnen Blumen. Auf Plakaten stand etwa „Wir sind nicht 20 Menschen, wir sind 16.000“.

Die Kundgebung endete am Abend, danach hielten sich weiter Tausende Demonstranten im Zentrum auf. Viele leuchteten mit ihren Handykameras. Vor der Zentrale des Geheimdienstes KGB stellten Menschen Kerzen auf und legten Blumen nieder. Zuvor spielten vor dem Gebäude junge Demonstranten Tennis.

Beobachtern zufolge hielt sich die Polizei am Abend zurück - wie bereits tagsüber und am Donnerstag. Allerdings war das Internet erneut gestört. Die Behörden wollen mit dieser Taktik Proteste kleinhalten. Videos von den Aktionen werden im Internet verbreitet. Die Demonstrationen hatten nach der Präsidentenwahl am Sonntag begonnen, die von massiven Fälschungsvorwürfen überschattet wurde. Viele Menschen fordern seither den Rücktritt des Langzeitpräsidenten.

Zu Kundgebungen kam es landesweit. In vielen Städten bildeten Demonstranten Menschenketten. In Retschiza im Süden des Landes war auf Videos zu sehen, wie ein Soldat demonstrierenden Frauen Blumen überreichte. In vielen Staatsbetrieben legten Beschäftigte ihre Arbeit nieder. Für diesen Samstag sind erneut größere Proteste geplant.

Freigelassene Demonstranten berichten von Folter
Vor der Entscheidung der EU-Außenminister am Freitagabend, Sanktionen gegen Unterstützer von Lukaschenko zu verhängen, hatte der Machtapparat mehr als 2000 Menschen aus Gefängnissen freigelassen. Sie waren in den vergangenen Tagen bei Protesten festgenommen worden. Fast 7000 waren in Polizeigewahrsam gekommen. „Wir tun alles nur Mögliche, um die Situation zu lösen“, teilte das Innenministerium mit. Freigelassene hingegen berichten von Folter.

Litauen und Estland wollen Wahlergebnis nicht anerkennen
Bei einem Treffen äußerten unterdessen die Staatspräsidenten von Litauen und Estland, dass das von der Wahlleitung bekannt gegebene Ergebnis der Präsidentenwahl in Weißrussland nicht anerkannt werde. Gitanas Nauseda und Kersti Kaljulaid sagten nach einem Treffen am Freitag in Vilnius, die von Fälschungsvorwürfen überschattete Abstimmung in der ehemaligen Sowjetrepublik sei nicht frei und demokratisch gewesen.

Nauseda hatte zuvor angesichts der blutigen Proteste eine Vermittlung der Nachbarstaaten in Weißrussland angeboten und einen Drei-Punkte-Plan vorgelegt, um die Gewalt beenden zu können. Dieser Vorschlag habe nach Einschätzung von Diplomaten dazu beigetragen, das Blutvergießen etwas zu stoppen, sagte Litauens Staatschef. Nach eigenen Angaben hat Nauseda den Plan auch telefonisch mit der Lukaschenko-Herausforderin Swetlana Tichanowskaja besprochen, die ihr Land nach der Wahl gezwungenermaßen verlassen und sich im Exil in Litauen in Sicherheit gebracht hatte. Sie rief am Freitag zu neuen friedlichen Massenaktionen auf.

Die Regierung in Vilnius sagte am Freitag zudem medizinische Hilfe für Demonstranten zu, die bei den Protesten im Nachbarland verletzt wurden. Weiter wurden in dem baltischen EU-Land mehrere private Spenden- und Hilfsaktionen ins Leben gerufen, um weißrussische Aktivisten zu unterstützen.

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