21.06.2020 05:00 |

Multiple Sklerose

„Ich versuche, im Moment zu leben“

Mag. Sabrina Terzer trotzt der tückischen Nervenkrankheit MS mit guter Laune und vielen Therapien, wie etwa auf dem Pferd oder im Exoskelett.

Wenn Mag. Sabrina Terzer in den vergangenen Jahren etwas gelernt hat, dann ist es, das Leben so zu nehmen, wie es kommt und sich einer erträumten Zukunft nicht allzu sicher zu sein. Sie hat aber auch erfahren, dass Unerwartetes nicht immer nur schlecht sein muss, auch, wenn diese Erkenntnis lange dauerte sowie viel Disziplin und Tränen gekostet hat. „Als ich etwa 2005 plötzlich mein rechtes Bein nicht mehr richtig bewegen konnte, standen alle möglichen Ursachen im Raum: Vielleicht war ich so gestresst und ausgebrannt vom Studium, eventuell hatte sich ein Nerv eingeklemmt, oder es konnte auch die Schaufensterkrankheit in Frage kommen“, erinnert sich die Niederösterreicherin, die gerade ihren 40. Geburtstag feiert. „Als noch Krämpfe und Taubheit in den Oberarmen hinzukamen, überwies mich glücklicherweise eine Ärztin an einen Neurologen. Der stellte dann endlich die Diagnose ,Multiple Sklerose‘ - leider war da schon wertvolle Zeit vergangen!“ Die damals 25-Jährige war zwar schockiert, dennoch erleichtert - ihre zahlreichen Beschwerden hatte sie sich also nicht nur „eingebildet“. „Sofort beruhigte mich der Arzt damit, dass ich keine Angst vor dem Rollstuhl haben müsse, dieser läge noch in weiter Ferne“, erinnert sich die Sonder- und Heilpädagogin.

Schwerer Verlauf machte Träume zunichte
„Leider trat bei mir ein sehr aggressiver Verlauf auf, und ich benötigte den ,Rolli‘ schneller als gedacht. Zunächst konnte ich noch aufstehen, aber als 2015 kein Schritt mehr möglich war, war ich am Boden zerstört, seelisch am Ende. Wegen der Krankheit verlor ich meine Arbeit undmein damaliger Lebensgefährte verließ mich. Man fragt sich da schon, was man im Leben oder mit der Therapie falsch gemacht hat“. Dazu der behandelnde Neurologe Dr. OADr. Herbert Kollross-Reisenbauer aus Neunkirchen (NÖ): „Leider kommt es bei manchen Patienten trotz aller Möglichkeiten, Versuche und Therapien zu einem so schweren Ausbruch von MS, den wir derzeit einfach hinnehmen müssen. Da diese häufigste neurologische Autoimmunerkrankungin jungen Jahren keinen einheitlichen Verlauf zeigt, kann man nur versuchen, die Therapie individuell anzupassen. Immerhin: Früher benötigten 5 von 10 MS-Kranke früher oder später einen Rollstuhl, heute nur noch 2.“

„Mittlerweile sehe ich meinen ,Rolli‘ als Hilfsmittel, das mir Mobilität ermöglicht. Damals fiel ich in ein Loch, hatte Suizid-Gedanken. Ich konnte niemanden treffen, war mir sicher, dass mich als Behinderte keiner mehr wollte - bis ich meinen Mann kennen lernte“, berichtet die Wiener Neustädterin. „Er holte mich aus meiner Einsamkeit heraus und ging mit mir zum Beispiel auf Konzerte, von denen ich geglaubt hatte, sie nicht mehr besuchen zu können. Aber es war möglich, und ich sah andere Menschen im Rollstuhl, die dort ebenfalls Spaß hatten. Das gab mir Mut.

Also meldete ich mich im Chor an. Da ich immer so gerne getanzt hatte, musste ich eben andere Wege finden, die Musik zu genießen. Um mich auszutauschen, bin ich aucheinem MS-Patienten-Club beigetreten, derzeit leider nur via Bildschirm.“ In einem Blog (geschrieben aus Sicht ihrer Katze Lexi) verarbeitet sie außerdem ihre Gefühle: „Natürlich bin ich manchmal traurig, aber mit Hilfe von Psychotherapie habe ich gelernt, nicht zurück oder zu weit nach vorne zu blicken. Ich versuche, im Hier und Jetzt zu leben.“

Kraft zieht die Tierfreundin ebenso aus ihren Therapien, die den Terminkalender ausfüllen. „Um meine Muskeln zu dehnen und zu bewegen, erhalte ich Physiotherapie und Heilmassage. Besonders freut mich aber die Hippotherapie auf einem Therapiepferd. Diese Bewegung stärkt meinen Rumpf und hilft gegen verkrampfte Muskeln (Spastik).“ Ein besonderes Erlebnis stellt auch die Therapie im sogenannten Exoskelett dar (siehe links oben). Mit diesem Hilfsmittel kann die Patientin wieder gehen, was dem ganzen Körper gut tut. „Das Gefühl zu gehen ist für beeinträchtigte Menschen ganz wichtig! Die Bewegung trainiert das Herz-Kreislauf-System und die Muskeln“, erläutert Dr. Kollross. „Aufrecht zu schreiten war schon sehr emotional für mich“, erinnert sich Sabrina Terzer. Seit zwei Jahren ist „ihr MS“ stabil, doch man kann nie wissen, ob es schlechter wird. „Ich hab schon so viel erlebt“, winkt die attraktive Frau lachend ab.

Eva Greil-Schähs, Kronen Zeitung

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