Auf "Ramschniveau"
Experten zweifeln, dass Athen Kredite zurückzahlen würde
Die Zinsen, die Griechenland auf den Märkten für Anleihen zahlen müsste, sind am Mittwoch endgültig in die Region jenseits von Gut und Böse vorgedrungen. Wer dem Land überhaupt noch Geld borgt, verlangt für eine Staatsanleihe mit zweijähriger Laufzeit nun 18,5 Prozent Zinsen - womit das Land de facto keinen Zugang zu frischem Geld hat. Zum Vergleich: Deutschland bezahlt für eine derartige Anleihe 0,75 Prozent, Österreich rund ein Prozent.
Am 19. Mai werden für Athen Milliarden-Anleihen fällig. "Um den 10. Mai" soll darum ein Gipfel der Länder der Eurozonen abgehalten werden, um die Krise des Mittelmeerstaates zu diskutieren, erklärte EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy am Mittwoch. Der Termin soll dabei aber bereits eine Entscheidung markieren. Die Beratungen in den Hinterzimmern beginnen schon jetzt: In Österreich hat Finanzminister Josef Pröll am Mittwoch zu einem Treffen zur Bewertung der Situation in Griechenland geladen.
In Deutschland, das sich als größter Kreditgeber bei einer Nothilfe ganz genau absichern und erst dann zahlen will, wenn Athen sich umfangreicher Kontrolle unterwirft, machen derweil EZB-Chef Jean-Claude Trichet und der Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn, Druck auf die Regierung Angela Merkels.
EU-Kommission beharrt auf Rettungspaket
Die EU-Kommission meinte am Mittwoch demonstrativ, man schließe eine Umschuldung (also quasi einen Konkurs) Griechenlands weiterhin aus. Die sei für ein Land der Eurozone "keine Option". Stattdessen soll wie geplant das Rettungspaket mit insgesamt 45 Milliarden an Krediten der Euro-Länder und des IWF in Kraft treten. Bei den Gesprächen in Athen gebe es beständige und schnelle Fortschritte. Gleichzeitig ermahnte die Kommission die Ratingagenturen. Diese müssen mehr Verantwortung zeigen und bei der Beurteilung der Kreditwürdigkeit Athens das (laut EU-Komission) "zugesagte Rettungspaket" berücksichtigen.
Experten bezweifeln aber, dass die zunächst für das Jahr 2010 in Aussicht gestellten 45 Milliarden reichen werden, bzw. glauben, dass Athen 2011 wieder anklopfen wird. Laut "Financial Times" ist der IWF inzwischen bereit, seine Hilfe um zehn Milliarden Euro zu erhöhen. Der deutsche Wirtschaftsminister Rainer Brüderle meinte am Mittwoch, dass Griechenland 2011 und 2012 wahrscheinlich noch einmal je 45 Milliarden brauchen würde.
Wirtschaftsforscher: "Banken werden nicht viel wiedersehen"
Den Investoren und Banken kämen die Rettungsmilliarden gerade recht. Würde Athen doch damit die Schulden bedienen und auch Zinsen zahlen. Alleine deutsche Banken haben mehr als 30 Milliarden Euro an Griechenland ausgeliehen. Ohne Kredite werden sie davon aber "nicht viel wiedersehen", sagte am Mittwoch der Präsident des deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle, Ulrich Blum. So hänge die verstaatlichte Hypo Real Estate mit rund acht Milliarden Euro an Griechenland-Anleihen in der Misere.
In der Einstufung der Kreditwürdigkeit Athens auf "Junk" sieht Blum eindeutig eine Vorentscheidung für eine Zahlungsunfähigkeit. "Die Märkte sind offenbar zur Entscheidung gekommen, dass Griechenland anhand schlechter Fundamentaldaten die Schulden nicht mehr aus eigener Kraft zurückzahlen kann", so Blum. "Die Gläubiger müssen erkennen, dass die ganzen Ausleihungen von fast 200 Milliarden Euro nicht mehr einbringbar sind", sagte der Ökonom und kam zu dem Fazit: "Der Stab über Griechenland ist damit eigentlich gebrochen."
ifo-Chef: Athen würde auch EU-Kredite nie zurückzahlen
Noch weiter als Blum geht der Chef des Münchner ifo-Institutes, Hans-Werner Sinn. Er glaubt nicht einmal, dass Griechenland die Kredithilfen der Euro-Länder jemals zurückzahlen könnte. Sinn prophezeite am Mittwoch, die Regierung in Athen würde letztlich nicht in der Lage sein, den verlangten harten Sparkurs zu fahren. Auf politischem Wege würde dann von den Griechen und den anderen problematischen Länder ein Schuldenerlass von Deutschland verlangt werden. Sinn äußerte Verständnis für das Zögern der Bundesregierung bei der Hilfszusage. Wenn das Geld erst einmal bereit gestellt sei, "dann hat man kein Druckmittel mehr gegenüber Griechenland. Das macht die Bundesregierung absolut richtig".
In Deutschland wird mittlerweile gefordert, dass auch deutsche Gläubigerbanken ihren Beitrag zur Rettung leisten. "Angela Merkel muss die Vorstände aller Banken, die am griechischen Desaster Geld verdient haben, zum Rapport ins Kanzleramt vorladen", sagte die Grünen-Fraktionschefin Renate Künast. Es könne nicht sein, dass die Banken weiter zocken und sich an Griechenlands Notlage eine goldene Nase verdienen, sagte Künast. Staatsrechtler haben Verfassungsklagen in Aussicht gestellt, sollte die Bundesregierung Kredite an Griechenland ausgeben.
Börsen stürzen ab - Minus auch in Wien
An den Börsen gibt es seit Dienstagbend eine Talfahrt. Die Kurse gaben sofort nach, als das Rating für griechische Staatsanleihen von Standard & Poor's von BBB+ auf das "Ramschniveau" BB+ gesenkt wurde (zum Vergleich: Österreich genießt als Schuldner das höchste Rating AAA). Zusätzliche Besorgnis löste die Nachricht aus, dass auch das Euro-Land Portugal, das ebenfalls mit einem großen Defizit zu kämpfen hat, erneut herabgestuft wurde (auf A-). Der Euro fiel daraufhin deutlich.
Auch die Wiener Börse schloss am Mittwoch mit Verlusten. Der ATX büßte 70,17 Punkte oder 2,60 Prozent auf 2.630,81 Einheiten ein. Auch der deutsche DAX fiel. Die griechische Börse blieb indes tagsüber stabil, nachdem die Börsenaufsicht die Notbremse gezogen und sogenannte Leerverkäufe - mit denen Spekulaten derzeit vornehmlich auf einen Staatsbankrott setzen und damit die Stimmung anheizen - bis Juni verboten hatte.
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