23.07.2019 06:00 |

Heute ist Tag X

„Boris“ vor dem Ziel: In London wird‘s stürmisch

Im Rennen um die Nachfolge der britischen Premierministerin Theresa May nimmt Brexit-Hardliner Boris Johnson Kurs auf Downing Street Nummer 10. Umfragen sehen ihn als haushohen Favoriten. Ob diese richtig liegen oder doch Außenminister Jeremy Hunt das Ruder übernimmt, wird sich heute, am Tag X im erbitterten Kampf um die Führung der konservativen Tories und der Regierung im Königreich, zeigen. Mit Johnson greift jedenfalls ein Politiker nach der Macht, der es mit seinem stürmischen Wesen locker mit US-Präsident Donald Trump aufnehmen kann.

Er ist unverkennbar mit seinem strohblonden Haarschopf: Der Brexit-Hardliner Boris Johnson, von Freund wie Feind meist nur „Boris“ genannt, will die Nachfolge der scheidenden britischen Premierministerin Theresa May antreten - als neuer Parteichef der konservativen Tories und in der Folge auch als Regierungschef. Johnson hat einige politische Erfolge vorzuweisen, sich mit seiner polternden Art und verbalen Ausrutschern aber auch zahlreiche erbitterte Gegner gemacht.

1964 in New York als Alexander Boris de Pfeffel Johnson geboren, habe er schon als Kind den Wunsch geäußert, einmal „König der Welt“ zu werden, verriet seine Schwester Rachel dem Biografen Andrew Gimson. Ihr Bruder Boris erhielt als Schüler ein Stipendium für die Eliteschule Eton und ging später auf die Universität Oxford, wo er Mitglied im berüchtigten Bullingdon Club wurde.

Schon als Brüssel-Korrespondent über EU gewütet
Nach dem Studium wurde Johnson Journalist. Die Zeitung „The Times“ feuerte ihn nach einem Jahr, weil er Zitate fälschte. Dann arbeitete er für den „Daily Telegraph“, das Magazin „Spectator“ und verfasste mehrere Geschichtsbücher. Von 1989 bis 1994 machte er sich als Brüsseler Korrespondent für den „Telegraph“ über EU-Institutionen und angebliche EU-Beschlüsse lustig. In Brüssel zerbrach die Ehe mit seiner ersten Frau Allegra Mostyn-Owen. Er heiratete seine Jugendfreundin Marina Wheeler, mit der er vier gemeinsame Kinder hat. Das Paar trennte sich 2018.

Seine politische Karriere begann Johnson 2001 als Abgeordneter. Sein politisches Geschick bewies er 2008 und 2012 durch die zweimalige Wahl zum Bürgermeister von London - einer normalerweise eher links wählenden Stadt. International gewann er durch die Organisation der Olympischen Spiele in der Hauptstadt 2012 an Profil. Kritiker werfen ihm allerdings vor, sein Erbe als Bürgermeister beschränke sich auf eine bessere Verkehrsinfrastruktur für Fahrradfahrer.

Johnson-Kehrtwende als Auslöser für Brexit-Schock
Ein Jahr vor dem Ende seiner Amtszeit als Bürgermeister kehrte Johnson 2015 als Abgeordneter ins Unterhaus zurück. Seine Entscheidung, die Brexit-Kampagne zu unterstützen, gilt als Wendepunkt in den Austrittsbestrebungen des Vereinigten Königreichs und führte zum Sieg der Brexit-Befürworter.

Bereits nach seinem Triumph beim Brexit-Votum galt Johnson als Favorit für den Posten des Premierministers - doch grätschte ihm sein bis dahin engster Unterstützer Michael Gove dazwischen, der selbst seine Kandidatur verkündete.

Als Außenminister viel Porzellan zerbrochen
Johnsons Ernennung zum Außenminister im Jahr 2016 galt den einen als gewiefter Schachzug der neuen Premierministerin May - wurde angesichts undiplomatischer, teils rassistischer Bemerkungen Johnsons unter anderem über Ex-US-Präsident Barack Obama von anderen aber als ungeschickt gewertet.

Das Institut Chatham House bezeichnete Johnson als den „erfolglosesten“ britischen Außenminister seit dem Zweiten Weltkrieg: Wo Ernsthaftigkeit und Detailgenauigkeit erforderlich gewesen wären, habe Johnson nur Sprüche geklopft. Im Sommer des Vorjahres trat er aus Verärgerung über Mays Brexit-Kurs zurück.

Unsicherheiten ausgerechnet bei Lieblingsthema Brexit 
Obwohl Johnson im Rennen um die Parteiführung von Anfang an als haushoher Favorit gehandelt wurde, fürchtete sein Team, er könnte es mit seinem unvorhersehbaren Verhalten noch vermasseln. Er mied deshalb zunächst die mediale Bühne - das brachte ihm allerdings den Vorwurf ein, seine als zu vage kritisierte Vision vom Brexit einer genauen Prüfung durch die Öffentlichkeit entziehen zu wollen.

Vor wenigen Wochen machte Johnson dann auch noch mit seinem Privatleben Schlagzeilen. Ein nächtlicher Streit mit seiner Lebensgefährtin rief die Polizei auf den Plan und dominierte die Titelseiten im Königreich.

Prominente Rücktrittsdrohungen bei Sieg von Johnson
Am Wochenende bekam Johnson zudem scharfen Gegenwind von zwei Parteikollegen: Finanzminister Philip Hammond und Justizminister David Gauke wollen sofort zurücktreten, wenn Johnson das parteiinterne Duell gegen Außenminister Jeremy Hunt gewinnt. Am Montag kündigte dann auch Außenstaatssekretär Alan Duncan seinen Rücktritt an.

Dass sich die Parteibasis von solchen Schlagzeilen noch umstimmen lässt, ist aber unwahrscheinlich. Die Tory-Mitglieder wollen vor allem eines: den Brexit durchziehen. Johnson gibt sich diesbezüglich hart. Er bekräftigte vor Kurzem in einem TV-Duell mit Hunt, Großbritannien zum 31. Oktober aus der EU zu führen - notfalls auch ohne Abkommen.

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