06.07.2019 06:03 |

Seltene Erkrankungen

Wenn die Körperabwehr versagt

Patienten mit angeborener oder erworbener Immunschwäche brauchen kompetente Beratung und Begleitung in Fachkliniken. Doch derzeit gibt es nicht einmal einen eigenen Facharzt auf diesem Gebiet der Medizin!

Alle zwei Monate verkühlt, regelmäßig Bronchitis, eitrige Nasennebenhöhlenentzündungen, wiederholte Lungenentzündungen - und das zu jeder Jahreszeit. Dazu kommt noch eine HNO-Operation vor einigen Jahren im SMZ-Ost in Wien. Eine Allergie konnte nicht festgestellt werden. Diese Krankheitsgeschichte liest sich wie der Leidensweg eines betagten Menschen - dabei war der Patient zu diesem Zeitpunkt erst 29 Jahre alt! Ein aufmerksamer Lungenfacharzt kam schlussendlich auf die Idee, den jungen Mann an die Immunologische Tagesklinik, ITK, in Wien zu überweisen. In dieser spezialisierten Einrichtung wird ein breites Spektrum an Untersuchungen angeboten, um Defekte bzw. Regulationsstörungen des Immunsystems zu erkennen. Die Voraussetzung für eine erfolgreiche Behandlung von Patienten, die meist einen jahrelangen Ärzte- und Diagnosemarathon hinter sich haben.

„Wir bekamen im vergangenen Jahr 2205 Blutproben zur Analyse eingesandt“, berichtete Ärztlicher Direktor Dr. Hermann M. Wolf und Leiter des Forschungsbereiches der ITK bei einem Pressegespräch in Wien. Der Bedarf ist groß, auch wenn die einzelnen Fälle selten sein mögen (es gibt alerdings mehr als 350 verschiedene genetische Erkrankungen des Immunsystems). Trotzdem existiert weder ein Krankenhaus für Immunologie in Österreich, noch eine entsprechende Facharztausbildung. Für Letztere setzt sich nun die Ärztekammer ein. Wissenschaftliche Expertise und klinische Erfahrung stellen nicht nur die Voraussetzungen für die richtige Therapiewahl, sondern auch die kostengünstigste Variante für das Gesundheitssystem dar. 2018 erhielten im ITK 2350 Patienten Untersuchungen, fast ein Drittel davon Kinder und Jugendliche.

Dennoch wurde der Einrichtung der Kassenvertrag entzogen, Patienten müssen nun nach Überweisung im Wahlarztprinzip zunächst alle Kosten selber tragen und dann ihre Rechnungen bei der Krankenkasse einreichen. Die Rückerstattung beträgt nur einen Bruchteil des erlegten Betrages. Eine Katastrophe für viele, wie Karin Modl von der Österreichischen Selbsthilfegruppe für primäre Immundefekte (ÖSPID) immer wieder erfährt: „Angeborene Abwehrschwäche ist schon per se eine finanzielle Bürde, weil man oft keiner geregelten Arbeit nachgehen kann, häufige Krankenhausaufenthalte und Therapien große Belastungen darstellen.“

Dr. Martha Eibl, Gründerin der Immunologischen Tagesklinik über Probleme Betroffener: „In manchen Spitalsabteilungen kommt es leider immer wieder zu Fehl- oder Verdachtsdiagnosen und damit auch zu nicht angepassten Therapien, die manchmal sogar ganz eingestellt werden. Nur schnelle und richtige Abklärung entlastet das System!“

Dem jungen Mann vom Anfang dieses Artikels konnte übrigens geholfen werden. In den sechs Jahren seiner Therapie hatte er bis heute nur einen Infekt zu überwinden und musste nur einmal Krankenstand in Anspruch nehmen! Eine ganz neue Erfahrung für ihn . . . 

Karin Podolak, Kronen Zeitung

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