1 Jahr nach Beben

L’Aquila wird zu Geisterstadt mit Mafia-Problem

Ausland
29.03.2010 11:06
In der engen Fortebraccio-Gasse, der ältesten Straße L'Aquilas, türmen sich noch immer Stein und Geröll. 4,5 Millionen Tonnen Schutt warten seit einem Jahr auf den Abtransport. Die meiste Zeit liegt aber beklemmende Stille über der Geisterstadt, in der einst 30.000 Menschen lebten. Die in neue Wohnblöcke verbannten City-Bewohner kämpfen mit "illegalen" Aufräumkommandos um die Aufmerksamkeit Roms und der Behörden. Dort hat man aber mit Korruption und der gierigen Bau-Mafia alle Hände voll zu tun.

Am 6. April vor einem Jahr bebte um 3.32 Uhr in der mittelitalienischen Region Abruzzen, etwa 95 Kilometer nordöstlich von Rom, die Erde. Das Hauptbeben hatte eine Stärke von 5,8 auf der Richterskala. Zahlreiche Nachbeben erschwerten die Bergungsarbeiten. Die Zahl der Toten belief sich nach offiziellen Angaben auf 308. 1.600 Menschen erlitten Verletzungen. 65.000 Personen verloren das Dach über dem Kopf. Diese Obdachlosen wurden in Zeltstädten und Hotels an der Adriaküste untergebracht. 15.000 Gebäude trugen Schäden davon, 10.000 allein in L'Aquila. 

Ein Jahr nach dieser Schicksalsnacht ist man sich in L'Aquila darüber einig, dass die Notlage unmittelbar nach dem Beben gut gemeistert wurde. Die Zeltlager für die Obdachlosen wurden rechtzeitig vor dem Wintereinbruch abgetragen. Das Leben geht in Holzhäusern weiter. 17.000 Menschen wurden in diesen modernen und erdbebensicheren Wohnblocks untergebracht, die sich wie ein Kranz um die Altstadt schmiegen. 19 Satellitenstädte wurden rund um L'Aquila errichtet. 4.500 Wohnungen, die den modernsten Erdbeben-Sicherheitsstandards entsprechen, sind bereits fertiggestellt und an Familien übergegeben worden. 27.316 Menschen erhalten staatliche Hilfe in Höhe von 800 Euro, um sich außerhalb L'Aquilas eine Wohnung zu mieten. Fast 5.000 Personen leben in Hotels an der 150 Kilometer entfernten Adria-Küste.

"Die größte Baustelle der Welt" - inklusive Mafia
"L'Aquila ist die größte Baustelle der Welt", sagte der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi kürzlich. Der Wiederaufbau im Erdbebengebiet hat sich in der Tat für viele Bauunternehmen als Segen im Krisenjahr 2009 erwiesen. Millionen sind aus Staatsgeldern, Spenden und EU-Mitteln in die Bergregion geflossen. Das Geld lockt aber auch die Mafia an. "Der Geldstrom, der für den Wiederaufbau in die Gegend fließt, macht den Clans Appetit", so der oberste Staatsanwalt in L'Aquila, Alfredo Rossini. Die organisierte Kriminalität sei überall dort, wo man mit Bauprojekten zu Geld kommen könne. 

Der Wiederaufbau nach dem Erdbeben wird den Staat etwa zehn Milliarden Euro kosten. Für Mafiafamilien, die Zementfirmen oder Schuttentsorger kontrollieren, ein aussichtsreiches Betätigungsfeld. "Wir arbeiten eng mit den Anti-Mafia-Behörden zusammen, um zu verhindern, dass mafiöse Baufirmen Aufträge erhalten", meinte Rossini. Der Chefstaatsanwalt der Anti-Mafia-Behörde, Piero Grasso, drängt auf die Veröffentlichung einer "weißen Liste" von Bauunternehmen, die jeglichen Kontakt zur Mafia ablehnen.

Ermittlungen gegen Zivilschutzchef und Bauunternehmer
Dass die Korruption rund um den Wiederaufbau L'Aquilas floriert, haben bereits polizeiliche Erhebungen ergeben, in deren Sog ausgerechnet Zivilschutzchef Guido Bertolaso geraten ist, der wegen seines unermüdlichen Einsatzes für die Obdachlosen nach dem Erdbeben als eine Art Nationalheld gefeiert wurde. Gegen Bertolaso, enger Verrauter von Ministerpräsident Silvio Berlusconi, und 22 weitere Verdächtige wird ermittelt. Drei hohe Ministerialbeamte sowie der römische Bauunternehmer Diego Anemone sitzen in Untersuchungshaft. Dabei geht es um millionenschwere Bauaufträge der italienischen Katastrophenhelfer. Bertolaso soll von Anemone Schmiergelder und sexuelle Gefälligkeiten für Aufträge vom Zivilschutz erhalten haben.

Festgenommen wurde auch der Geschäftsmann Francesco Piscicelli. Ermittler hatten ein Telefongespräch Piscicellis mit seinem Schwager über das Erdbeben vor einem Jahr abgehört. Darin sagt der Unternehmer, seine guten Kontakte zur Regierung würden ihm lukrative Aufträge für den Wiederaufbau der betroffenen Region in L'Aquila verschaffen. "Ich habe morgens um halb vier nach dem Erdbeben in meinem Bett gelacht. Wir müssen loslegen, so ein Beben passiert ja nicht jeden Tag", sagte Piscicelli zynisch in dem abgehörten Gespräch, dessen Inhalt kürzlich an die Öffentlichkeit gelangt ist und für helle Empörung sorgte. Dieselben Unternehmer dürften in der Folge mit dem Wiederaufbau der Stadt und der umliegenden Dörfern betraut worden sein. Der Bürgermeister von L'Aquila, Massimo Cialente, nannte sie "Schakale".

Historisch wertvolles Zentrum noch immer Geisterstadt
Das historisch wertvolle Stadtzentrum von L’Aquila bleibt indes von der Mafia verschont – und damit aber auch von jeglichen Bauarbeiten. Experten hätten schon längst entscheiden sollen, was von Stadtkern gerettet und was abgerissen werden soll. Bürokratische Hindernisse und Streit zwischen den Behörden über die Finanzierung verzögern aber bis dato den Beginn der Restaurierungsarbeiten. 4,5 Millionen Tonnen Schutt türmen sich noch ein Jahr nach der Katastrophe in den Gassen des Zentrums. 

"Wir wollen nicht, dass L'Aquila zu einem zweiten Pompeij wird", klagt Antonietta Centofanti, Präsidentin einer Bürgerbewegung, die sich gegen Korruption beim Wiederaufbau der Abruzzen-Hauptstadt einsetzt. Mit Scheibtruhen und Kübeln ausgerüstet dringen die Anhänger der Bewegung immer wieder unerlaubt in die Innenstadt vor und transportierten eigenhändig den Bauschutt aus dem Centro Storico ab. Die Bevölkerung hat eine "Klagemauer" mit Dutzenden von Schlüsseln ihrer Wohnungen aufgestellt und verlangt den Beginn der Räumungsarbeiten. Der Protest führte kürzlich zu ersten Resultaten. Rom hat drei Deponien ausgewählt, auf denen der Schutt entsorgt werden soll. "Das ist ein erster Schritt, um mit der Restaurierung L'Aquilas zu beginnen", sagte Premierminister Silvio Berlusconi. Doch der sonst Optimismus versprühende Regierungschef zeigt sich überraschend vorsichtig, wenn es um die Zukunft der Innenstadt geht: "Es wird Jahre dauern, bis das Zentrum L'Aquilas wieder zu neuem Leben erwacht."

Welle an Prozessen wegen Baupfuschs
Inzwischen laufen auch die Ermittlungen bezüglich der strafrechtlichen Verantwortung beim Bau nicht erdbebensicherer Häuser in den Abruzzen. 200 Verfahren wurden eingeleitet, eines für jedes eingestürzte Gebäude, in dem ein Mensch ums Leben kam. Die Staatsanwaltschaft hat einen Prozess gegen 17 Personen beantragt. Ihnen wird die Missachtung von Bauvorschriften vorgeworfen. 

Die Untersuchungen konzentrierten sich auf den Einsturz eines Studentenheims im Zentrum von L'Aquila, bei dem acht Menschen ihr Leben verloren. Dieses Gebäude wurde zum Symbol der Erdbeben-Tragödie. Es soll über einer Grube errichtet worden sein, in der ein Pharmakonzern Sondermüll entsorgt hatte. 

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