"Sorgen für Familie"

Haiti: UNO verteilt Lebensmittel nur an Frauen

Ausland
01.02.2010 09:26
Das Welternährungsprogramm (WFP) der UNO hat am Sonntag in Haiti unter großem Sicherheitsaufgebot mit einer groß angelegten Verteilung von Lebensmitteln begonnen. Soldaten der UNO-Stabilisierungsmission MINUSTAH und der US-Armee sowie einheimische Sicherheitskräfte überwachten die Aktion. Mitarbeiter mehrerer Hilfsorganisationen gaben jeweils 25-Kilo-Säcke mit Reis aus – fast ausschließlich an Frauen. Indes warnt SOS-Kinderdorf vor weiteren Kindesentführungen (siehe Video).

"Wir verteilen zu etwa 85 Prozent an Frauen, weil sie für ihre Familien sorgen", sagte ein Mitarbeiter der Organisation Goal. "Aber wenn es in einer Familie keine Frauen mehr gibt, werden natürlich auch Männer versorgt." Die Empfänger der Hilfe mussten sich durch einen Gutschein ausweisen. Im Stadtteil Petionville kam es zu lautstarken Protesten von Erdbebengeschädigten, die keinen Gutschein erhalten hatten. Bewaffnete Sicherheitskräfte hielten eine Menschenmenge hinter einer Barriere zurück.

Das WFP richtet 16 feste Verteilstellen in Port-au-Prince ein. In den kommenden beiden Wochen sollen auf diese Weise zwei Millionen Menschen mit Lebensmitteln versorgt werden. Die haitianische Regierung hat das Weiterverkaufen von Lebensmittelhilfe für illegal erklärt.

Heftige Kritik an Sicherheitskräften
Viele Haitianer kritisieren den Einsatz der zahlreichen Sicherheitskräfte bei der Verteilung. "Die Soldaten schaffen erst Unruhen, weil sie die Leute einschüchtern und arrogant auftreten", sagte ein Beobachter. "Sie behandeln die Bedürftigen wie Unmündige", meinte er. Je länger die Leute auf die Verteilung warten müssten, desto größer werde ihre Sorge, möglicherweise nichts abzubekommen.

In den ersten Tagen nach dem Erdbeben war es mehrfach zu Ausschreitungen bei der Verteilung von Lebensmitteln gekommen. Die Sicherheitskräfte hatten in die Luft geschossen, um die Menge zu zerstreuen. Es gibt jedoch auch Gegenbeispiele. So verteilt ein Inhaber einer Pizzeria seit mehr als zwei Wochen Lebensmittel an Bedürftige, die zuvor ein Plastikarmband bekommen haben. Jeden Nachmittag bilden sich friedlich lange Schlangen vor seinem Restaurant. Obwohl keine Sicherheitskräfte im Einsatz sind, ist es dort bisher noch nicht zu Rangeleien gekommen.

US-Evakuierungsflüge gehen weiter
Schwer verletzte Erdbebenopfer können nun wieder darauf hoffen, zur Behandlung in die USA geflogen zu werden. Ein Sprecher des Weißen Hauses teilte am Sonntag in Washington mit, die USA wollten die ausgesetzten Evakuationsflüge aus Port-au-Prince wieder aufnehmen.

Die Flüge nach Florida waren am Mittwoch ausgesetzt worden, weil die Finanzierung der Behandlung der Verletzten nicht geklärt war. Zuvor hatte sich der Gouverneur des US-Bundesstaates, Charlie Crist, bei der Regierung in Washington darüber beklagt, dass die Krankenhäuser an die Grenze der Belastbarkeit geraten seien. Crist forderte außerdem die Freigabe von Bundesmitteln, zusätzliches Personal und Evakuierungsflüge auch in andere US-Staaten.

Weitere Kindesentführungen befürchtet
Unterdessen hat der SOS-Kinderdorf-Mitarbeiter Georg Willeit vor weiteren Kindesentführungen gewarnt: "Es wird auf jeden Fall weiter probiert werden." Die Organisation sei ganz klar gegen die "schnellen internationalen Adoptionen", da die familiäre Situation der Kinder derzeit "nicht zu klären" sei, viele von ihnen hätten noch Eltern oder Verwandte. Die Gerüchte über Kindesentführungen nach dem Erdbeben gebe es zudem schon seit einigen Wochen, betonte Willeit.

Am Samstag wurden im Grenzgebiet zur Dominikanischen Republik zehn US-Bürger festgenommen, die das Land ohne Genehmigung mit 33 haitianischen Kindern verlassen wollten. Die Amerikaner gaben an, dass es sich um Waisenkinder handle, die im Nachbarland in einem Heim untergebracht werden sollten. Unabhängig von ihrer Motivation hätten die Amerikaner gegen haitianisches Recht verstoßen, teilten die Behörden mit. Allein das Sozialministerium in Port-au-Prince könne entscheiden, ob Minderjährige das Land verlassen dürfen.

Nach jüngsten Schätzungen sind bei dem Beben am 12. Jänner 180.000 Menschen getötet und etwa 200.000 verletzt worden.

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