Fall Demjanjuk

Letzter großer Nazi-Prozess in München gestartet

Ausland
30.11.2009 10:59
Im München hat am Montagvormittag der Prozess gegen den mutmaßlichen Nazi-Verbrecher John Demjanjuk begonnen. Dem 89-jährigen gebürtigen Ukrainer wird vorgeworfen, an der Ermordung von 27.900 Juden im NS-Vernichtungslager Sobibor beteiligt gewesen zu sein. Das als letzter großer Nazi-Prozess bezeichnete Verfahren dürfte extrem schwierig werden. Nicht nur wurde Demjanjuk lange von den Behörden verschont und bestreitet alle Vorwürfe, sein Anwalt und seine Familie stellen ihn auch noch als "Nazi-Opfer" dar.

Schon Stunden vor Beginn der für 10.00 Uhr angesetzten Verhandlung, der Demjanjuk in einem Rollstuhl beiwohnt (Bild), warteten in der Früh Dutzende Journalisten aus Deutschland, zahlreichen anderen europäischen Ländern und den USA vor dem Gerichtsgebäude. Mehr als 200 Reporter sind akkreditiert.

Die Ärzte haben festgelegt, dass wegen der angeschlagenen Gesundheit des Angeklagten pro Verhandlungstag nicht länger als zweimal 90 Minuten verhandelt werden darf. Weil Demjanjuk kaum Deutsch spricht, muss die Verhandlung komplett gedolmetscht werden. Angesetzt sind zunächst 35 Verhandlungstage bis Anfang Mai 2010. Rund 20 Zeugen sollen im Laufe des Prozesses vernommen werden. Es gibt 34 Nebenkläger, zumeist Angehörige der Opfer.

Verteidiger hält Gericht für befangen
Der Verteidiger des 89-Jährigen, Ulrich Busch, stellte gleich zu Beginn einen Befangenheitsantrag gegen Richter und Staatsanwalt und kritisierte, dass Befehlshaber im Vernichtungslager Sobibor freigesprochen worden seien, mit Demjanjuk nun aber ein Befehlsempfänger vor Gericht stehe, der unter Todesdrohungen zu seiner Arbeit gepresst worden sei. Dies sei Willkür, sagte Busch.

Für Empörung unter den anwesenden KZ-Überlebenden und Angehörigen sorgte die Aussage des Verteidigers Busch, Demjanjuk stehe "auf gleicher Stufe" wie die KZ-Überlebenden, da auch er auf deutschen Befehl in Sobibor habe arbeiten müssen.

"Prozess der verpassten Gelegenheiten"
Als "Prozess der verpassten Gelegenheiten" bezeichnete das Nachrichtenmagazin "Spiegel" am Montag das Verfahren. Der Prozess werde in erster Linie unangenehme Fragen ("Warum erst jetzt?") an die deutschen Behörden aufwerfen. Am Ende könnte das Verfahren "mit einer Riesenenttäuschung" enden, so das Magazin.

Die Vorwürfe gegen Demjanjuk sind tatsächlich schon seit Jahrzehnten bekannt. Der gebürtige Ukrainer, der für die Nazis als untergeordneter KZ-Wachmann gearbeitet haben soll, sei in den letzten zwei Jahrzehnten von Deutschland mehrmals als kein Kandidat für ein Verfahren eingestuft worden, heißt es. 

In Israel saß Demjanjuk Ende der Achtziger - von den USA ausgeliefert - fast sieben Jahre in Haft, ehe sich herausstellte, dass er nicht der Treblinka-Wachmann "Ivan der Schreckliche" war. Der 89-Jährige, der laut seiner Familie an Altersleukämie leidet, reiste 1993 wieder zurück in seine Wahlheimat nach Ohio. Dort wurde ihm 2004 nach einem Gerichtsverfahren wegen seiner möglichen Nazi-Vergangenheit die Staatsbürgerschaft aberkannt. Deutschland bemühte sich um eine Auslieferung, die im Mai 2009 erfolgte. 

"Er hat sich die NS-Rassenideologie zu eigen gemacht"
Die Staatsanwaltschaft wirft Demjanjuk vor, er habe sich 1942 mit rund 1.000 weiteren ukrainischen Kriegsgefangenen von der SS im Lager Trawniki als "Hilfswilliger" zum KZ-Wachmann ausbilden lassen und sei im März 1943 in das berüchtigte Todeslager Sobibor abkommandiert worden. Dort habe er bis Oktober 1943 geholfen, die per Zug ankommenden Juden aus den Waggons zum Entkleiden und dann in angebliche Duschräume zu treiben. In die geschlossenen Räume wurden dann die Abgase eines Motors geleitet, und die auf engstem Raum zusammengepferchten Opfer erstickten qualvoll innerhalb einer halben Stunde. Demjanjuk habe sich die NS-Rassenideologie zu eigen gemacht und geholfen, die Opfer grausam und heimtückisch zu ermorden, heißt es in der Anklage.

Demjanjuk sagt, er sei bis Herbst 1944 als Sowjetsoldat in einem deutschen Kriegsgefangenenlager in der Ukraine eingesperrt gewesen. Als wichtigstes Beweismittel hat die Staatsanwaltschaft den von der SS ausgestellten Dienstausweis Demjanjuks vorgelegt. Außerdem ist er auf Verlegungslisten von Trawniki und Sobibor sowie ab 1943 im Waffenbuch des KZ Flossenbürg eingetragen. Ein heute im bayrischen Landshut lebender ehemaliger KZ-Wachmann aus Flossenbürg soll über seine Zeit mit Demjanjuk aussagen.

Laut Recherchen des "Spiegel" wurde knapp die Hälfte der deutschen SS-Männer, die in Sobibor an der Vernichtung von insgesamt mehr als 250.000 Juden beteiligt waren, in den Sechzigerjahren vor deutschen Gerichten freigesprochen. Gleichzeitig sei verabsäumt worden, andere in die USA geflüchtete Kriegsverbrecher vor deutsche Gerichte zu bringen. Viele Beobachter würden sich nun fragen "Warum ausgerechnet Demjanjuk und nicht all die anderen?", schreibt der "Spiegel.

Demjanjuks Sohn stellt Vater als "Nazi-Opfer" dar
John Demjanjuk jr. gibt indes seit Wochen Interviews und beteuert darin die Unschuld seines Vaters. Er zweifelt die Echtheit des SS-Ausweises an, der den Einsatz seines Vaters beweisen soll. Die eingetragene Körpergröße seines Vaters sei falsch, die Echtheit der Unterschrift zweifelhaft. Außerdem habe der Trawniki-Ausweis seines Vaters nicht die gleiche Lochung, die sein Foto aufweise.Und es gebe zahlreiche Zeugenaussagen, wonach die in Sobibor eingesetzten Trawniki als Gefangene nicht anders handeln konnten als den dort befehlenden SS-Männern zu gehorchen. Jeder, der sich widersetzte und fliehen wollte, sei erschossen worden. 

Zugleich zeigte sich der Sohn des Angeklagten empört darüber, dass die deutsche Regierung den Fall eines ukrainischen Kriegsgefangenen nun so forciere, während viele deutsche KZ-Wärter nie verurteilt wurden. "Einen Ukrainer zu verurteilen hilft ihnen, die Schuld wegzuschieben." Er hoffe, einen Weg zu finden, die deutsche Regierung wegen des Vorgehens gegen seinen Vater verklagen zu können. "Sie beschleunigen seinen Tod. Er wird das nicht überleben", sagte Demjanjuk jr. über den zunächst bis Mai angesetzten Prozess. 

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