Mo, 10. Dezember 2018

Neues Album „Megaplex“

29.04.2018 07:00

We Are Scientists finden ihre Liebe zum Discopop

Im Indierock-Segment sind die New Yorker Keith Murray und Chris Cain schon seit Jahren eine Institution - auf ihrem sechsten Album „Megaplex“ hat sich das Duo aus New York aber auf Erfahrungen und Erinnerungen ihrer Kindheit zurückberufen und die Sechssaiter mit Disco- und Synthiepop vermengt. Im ausführlichen „Krone“-Gespräch gaben uns die beiden Einblick in ihre Gedankenwelt zum neuen Album, Nostalgie, Politik und der neuen Pop-Welt.

„This time we really wanted to drop a fun-bomb. Something to dance or to fuck to“, ertönt es unmissverständlich aus der Presseinformation zum sechsten Studioalbum der New-Yorker-Indie-Institution We Are Scientists. „Ob uns das wirklich gelungen ist, das kann ich dir nicht sagen“, lacht Bassist Chris Cain verschmitzt im Gespräch mit der „Krone“, „jedenfalls sind das Dinge, die wir beim Musikhören sehr gerne machen.“ „Megaplex“ nennt sich das neue Werk und zeigt das Duo Cain und Frontmann/Gitarrist Keith Murray von einer bunten, lauten, optimistischen Seite. Statt schrammelnder Indie-Gitarren dominiert der derzeit hochgehypte Nostalgie-Synthiepop, schnödes Kopfnicken soll einer fröhlichen Tanzbarkeit weichen.

Zurück in die Kindheit
„Es fühlte sich für uns einfach aufregender an, als wieder ein Gitarrenalbum zu machen“, reflektiert Murray den Entstehungsprozess, „wir haben selbst sehr viel Electropop gehört und wollten damit unserer Jugend Tribut zollen.“ Cain ergänzt: „Wir sind beide 1977 auf die Welt gekommen und haben unsere Kindheit in den 80ern erlebt. Dort landete die Musik in unserem Unterbewusstsein. Es ist so, als ob deine Mama für dich kocht, wenn du sie besuchst: du hast einfach wohlige Erinnerungen daran.“ Murray hat sich gar von moderneren Zeiten inspirieren lassen. „Ich habe das Boxset des Soundtracks von ,Vice City‘ der Videospielreihe ,Grand Theft Auto‘ gekauft. Darauf gibt es ein paar explizite Songs, die mich gedanklich sofort auf den Rücksitz des 1982er Dodge Dart meiner Mutter zurückbeamen.“

Die Hommage an die Discojahre zieht sich auch visuell durch das Album. So etwa im Video zur bereits veröffentlichten Single „One In, One Out“, indem die Band Virtual Reality zur Verbildlichung ihres futuristisch angehauchten Konzepts gewählt hat. „Es sollte eine Art Retro-Zukunft ausstrahlen“, erläutert Cain, „wir sind in diesem Bereich ziemliche Amateure und hoffen, dass das Video charmant rüberkommt. Wir wissen selbst, dass wir im Gitarrenrock kundiger und besser aufgehoben sind, aber gerade deshalb hat es uns gereizt, für dieses Album einen Synthiepop-Zugang zu finden.“ 80er-Nostalgie ist im Popbereich ohnehin en vogue. Nicht zuletzt durch Künstler wie Katy Perry oder die Killers und Serien wie „Stranger Things“ holt sich die Generation Y im Mittelfeld ihres Lebens ein Stück der eigenen Kindheit und Jugend zurück.

Mehr Mut
Dass „Megaplex“ trotzdem nicht nach Formatradiopop klingt, hat laut Murray einen einfachen Grund. „Wir haben keinen dieser typischen Top-40-Produzenten im Team. Ein Max Martin hat das Talent Songs zu schreiben, die einfach jeder verwenden kann. Bei uns hörst du immer unsere eigene Persönlichkeit heraus, das geht gar nicht anders.“ Die Experimentierfreude ist auch der steigenden Selbstsicherheit der Musiker geschuldet. „Die Änderung ist jetzt auch nicht so extrem, dass wir jetzt Country gemacht hätten“, lacht Cain, „wir sind als Band aber schon so lange unterwegs, dass wir uns einfach mehr trauen. Am Ende klingt ohnehin alles nach We Are Scientists, egal wie wir es drehen und wenden. Das ist eigentlich eine wunderbare Form von Freiheit im Kompositionsprozess.“

Das Vertrauen in ein bestehendes Team mit Menschen, die man lange kennt und deren Arbeitsweise man schätzt, ist für die Band wichtiger als das Schielen auf den schnellen Erfolg. Auch wenn die beiden Freunde aus frühen Uni-Zeiten schon länger nicht mehr an die Charterfolge der frühen Werke herankommen, haben We Are Scientists noch immer eine gewisse Bedeutung am internationalen Pop-Firmament. Dass es heute nicht mehr so leicht ist, die Menschen von den eigenen musikalischen Qualitäten zu überzeugen, liegt laut Cain auch am veränderten Musikkonsum.

Verwechslungsgefahr
„Als Michael Jackson groß war, gab es einfach Pop - da war kein Platz für all die Sub-Kategorisierungen. Selbst eine Band wie Duran Duran wurde da in denselben Topf geworfen. Heute ist nicht nur alles zwischen Pop, Rock und Hip Hop auseinanderdividiert, das Radio ist auch dominiert von Künstlern, die gute Sänger und Persönlichkeiten sind, aber nicht spielen und keine Songs schreiben können. Es weiß auch jeder, dass Katy Perry nicht all ihre Songs selbst schreibt, sie würden für sie ausgesucht. Einen Jackson-Song hätte man niemals mit einem anderen verwechselt, das ist heute fundamental anders. Einzigartige Künstler wie Björk werden immer seltener, die Gesichter und Stimmen leider immer austauschbarer.“

Einzigartigkeit lässt sich natürlich nicht so einfach erfinden, Cain und Murray kennen ihren USP aber durchaus. „Ich denke schon, dass wir mittlerweile als eigenständige Band wahrgenommen werden. Wir haben Disco-Drumbeats und schnittige Gitarrenlinien, die klar nach uns klingen - dazu bei so gut wie allem eine übermäßige Verwendung von gesanglichen Harmonien. So extrem wie die frühen Beatles sind wir in dem Punkt aber trotzdem nicht“, lacht Murray. Zudem greift das Duo niemals auf alte Songs zurück. „Von den 90 Songs, die wir niemals nutzten, werden die meisten auch nie das Tageslicht erblicken. Musik soll doch immer die aktuelle Version eines Selbst reflektieren. Alles andere wäre Betrug.“

Mehr Musik, weniger Predigt
Zeitlosigkeit ist ein wichtiges Thema im Band-Kosmos, gerade deshalb scheuen We Are Scientists auch in prekären Zeiten vor politischen Botschaften zurück. „Im Pop sind wir keine großen Fans von Politik“, erklärt Cain, „selbst bei Bono ist das anstrengend. Der spricht oft mehr als er musiziert. Künstler, die sich zu stark in der Politik verankern, reißen mich aus dem Moment der Musik. Es ist so, als würde ich plötzlich eine Zeitung lesen und nicht mehr Musik hören. Die absolute Ausnahme der Regel sind Muse. Sie schreiben tatsächlich zeitlose und auch politische Musik, weil sie in jedem Song extrem unspezifisch sind. Der Bösewicht bei Muse sind immer ,die‘. Wer? Na ,die‘ halt. ,Die Unterdrücker‘. Das funktioniert schon seit Jahren wirklich gut.“

An der guten Beziehung der beiden zueinander hat sich nach knapp 20 Jahren nichts geändert - vielleicht klingt „Megaplex“ gerade deshalb so zwanglos und leichtfüßig. „Keith hat mich in die Welt des Funk eingeführt“, lacht Cain, „wie ein irrer Trainer am Spielfeldrand. Wir haben über all die Jahre hinweg gemeinsam die Musikwelt erfahren und erlernt. Der Erfolg fußt wohl darauf, dass wir zwei immer noch verschiedene Geschmäcker haben und uns ständig gegenseitig Musik zusenden, die wir mögen.“ Für Murray geht Erfolg nur mit der Freundschaft einher. „Da wir schon lange vor der Band gute Freunde waren, verhindert das auch, dass wir die Band nur als Profession sehen. Wenn ich an Musik denke, ist das immer noch Spaß, den ich mit meinem besten Kumpel erlebe. Wir hatten jedenfalls nie diesen wirtschaftlichen, finanziellen Gedanken, der andere Bands zerreißt. Unser Bestreben war und ist stets ein gemeinschaftliches.“

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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