Vince Staples

„Cry Baby“: Wut, Widerstand und verzerrte Gitarren

Musik
15.06.2026 13:00

Donald Trump als weinendes Baby, Schüsse auf die US-Flagge und jede Menge Wut: Auf „Cry Baby“ rechnet Rapper und Schauspieler Vince Staples mit Rassismus, Polizeigewalt und dem amerikanischen Traum ab. Musikalisch verbindet der Musiker Hip-Hop mit Rock, Punk und Jazz – und liefert ein unbequemes Album, das weit mehr will, als nur zu unterhalten: Es soll wachrütteln.

kmm

„Die Frage ist also nicht, ob wir Extremisten sein werden, sondern welche Art von Extremisten wir sein werden.“ Kennen Sie dieses berühmte Zitat? Manche werden sofort an Martin Luther King Jr. denken, andere dürften sich zunächst fragen, was genau damit gemeint ist. King schrieb diese Worte 1963 in seinem berühmten „Brief aus dem Gefängnis von Birmingham“. Darin erklärte er, dass nicht jeder Extremismus zwangsläufig zerstörerisch sein müsse. Entscheidend sei vielmehr, ob man sich aus Hass oder aus Liebe, für Ungerechtigkeit oder für Gerechtigkeit radikal einsetzt.

Doch was hat dieses Zitat mit Vince Staples zu tun? Nun ja ...scheinbar eine ganze Menge. Die Worte erscheinen am Ende des Musikvideos zu „Blackberry Marmalade“, der ersten Single seines neuen Albums „Cry Baby“. In dem drastischen Clip versucht Staples, einen bewaffneten Angreifer zu stoppen – und scheitert. Das Zitat wirkt dabei wie ein Schlüssel zum Verständnis des Videos und letztlich auch der gesamten Platte. Es geht um Gewalt, gesellschaftliche Radikalisierung und die Frage, wie lange Menschen Ungerechtigkeit ertragen können, bevor ihre Verzweiflung in Widerstand umschlägt.
Am 5. Juni veröffentlichte der US-amerikanische Rapper und Schauspieler mit „Cry Baby“ sein mittlerweile siebtes Studioalbum. Der 32-Jährige aus Long Beach ist seit Jahren für seine präzisen, oft schonungslos ehrlichen Texte bekannt. Persönliche Erfahrungen verbindet er darin mit Beobachtungen über Rassismus, Polizeigewalt, Armut und das Leben in einem Land, das seinen Bürgern zwar Freiheit verspricht, diese jedoch nicht allen gleichermaßen gewährt.
Dass Staples solche Themen nicht nur in seiner Musik behandelt, zeigt auch seine Netflix-Serie „The Vince Staples Show“. Darin spielt er eine fiktionalisierte Version seiner selbst: einen halbwegs berühmten und vermeintlich wohlhabenden Musiker, dessen Alltag immer wieder in absurde oder gefährliche Situationen abgleitet. Die Serie bewegt sich zwischen schwarzem Humor, surrealer Komödie und Gesellschaftssatire. Hinter den teilweise überzeichneten Erlebnissen stecken aber reale Vorurteile und Ängste. Der Künstler zeigt, wie schnell ein junger Schwarzer Mann verdächtigt, kontrolliert oder mit Kriminalität in Verbindung gebracht wird – unabhängig davon, wie bekannt oder erfolgreich er ist. Dabei versucht sich Vince meist irgendwie durch das Chaos zu manövrieren. Er beobachtet mehr, als dass er erklärt, und reagiert mit einer fast irritierenden Gelassenheit auf die Absurditäten um ihn herum. Gerade diese Ruhe macht die Serie so wirkungsvoll. Denn so lustig manche Szenen zunächst erscheinen, so bitter ist häufig das, was hinter ihnen steckt. Ähnlich funktioniert auch „Cry Baby“: Staples erhebt nicht ständig die Stimme, doch seine Botschaft ist deshalb nicht weniger radikal.

Staples gehört zu den angesehensten Stimmen seiner Generation.
Staples gehört zu den angesehensten Stimmen seiner Generation.(Bild: Adrian Nieto.)

Heul leise Donald
Was an der Platte zuerst ins Auge fällt, ist ihr Cover. Darauf ist ein blondes, weinendes Baby zu sehen, das nichts außer einer Windel trägt. Und diese Windel besteht – naja – aus der amerikanischen Flagge. Beim ersten Anblick drängt sich sofort eine bestimmte Assoziation auf: Das Baby erinnert unverkennbar an US-Präsident Donald Trump. Die blonde Haarsträhne, der trotzige Gesichtsausdruck und die amerikanische Flagge machen aus dem Motiv eine kaum zu übersehende Karikatur des Staatsoberhauptes.
Schon das Cover zeigt damit, dass „Cry Baby“ mehr sein will als nur ein weiteres Rapalbum. Es ist eine politische Kampfansage und eine bissige Abrechnung mit dem Zustand der Vereinigten Staaten. Diesen Ton setzt er bereits mit dem Opener „Blackberry Marmalade“ fort.

Zehn Tracks umfasst das Album, und jeder von ihnen beleuchtet einen anderen Teil derselben gesellschaftlichen Realität. Dabei geht es nicht ausschließlich um die Rechte Schwarzer Menschen. Staples spricht über Polizeigewalt und die historischen Folgen der Unterdrückung, richtet seinen Blick aber auch auf Kapitalismus, Krieg und Gleichgültigkeit. Im Zentrum steht die Frage, wie Schwarze Menschen in einem Land in Frieden leben sollen, dessen Strukturen immer wieder Gewalt, Rassismus und Ungleichheit hervorbringen. 
Mit „White Flag“ folgt einer der stärksten Songs der Platte. Die weiße Flagge steht normalerweise für Frieden und Kapitulation. Vince erklärt jedoch nicht einfach, dass er aufgeben möchte. Noch deutlicher wird diese Botschaft im Musikvideo. Darin malt er eine amerikanische Flagge vollständig weiß an und schießt anschließend auf sie. Nicht er selbst scheint dabei zu kapitulieren –  vielmehr wirkt es, als hätten die Vereinigten Staaten ihre eigenen Ideale von Freiheit, Gerechtigkeit und Gleichheit aufgegeben.

Der Jimi Hendrix des Hip Hop
Musikalisch schlägt „Cry Baby“ eine neue Richtung ein. Verzerrte E-Gitarren, wuchtiges Schlagzeug und funkige Basslinien treffen auf Staples’ gewohnt präzisen Rap. Das Album bewegt sich zwischen Hip-Hop, Punk, Rock und Jazz und klingt dadurch rau, unruhig und teilweise bedrohlich. Gerade „White Flag“ lebt von einem spannenden Gegensatz: Der Rhythmus wirkt zunächst beinahe locker und verspielt, während der Text von Gewalt, Erschöpfung und Hoffnungslosigkeit erzählt.
Einige Kritiker bezeichnen den Rapper deshalb bereits als eine Art Jimi Hendrix des Hip-Hop. Der Vergleich ist nicht wörtlich gemeint.
Staples spielt nicht plötzlich virtuose Gitarrensoli. Wie Hendrix verwendet er Rockmusik jedoch als Form des Widerstands und erinnert daran, dass die Wurzeln des Genres in der Schwarzen Musik liegen.
Man muss aber trotzdem sagen, dass diese Mischung aus Rap, Rock, Punk und Jazz nicht in jedem Moment gleich gut funktioniert. Manche Gitarren wirken bewusst sperrig, einige Songs beinahe überladen. Auch die politische Botschaft trägt er stellenweise so deutlich vor, dass wenig Raum für Zwischentöne bleibt. Gerade diese Direktheit macht die neue Scheibe zwar kraftvoll, kann auf Dauer aber auch anstrengend wirken.

Auch „TV Guide“ schlägt musikalisch eine deutlich rockige Richtung ein. Wie der Titel bereits vermuten lässt, nimmt Vince Staples darin die Macht der Medien ins Visier. Die Zeile „I think the television’s controlling me“ bringt die zentrale Aussage des Songs auf den Punkt: Das Fernsehen informiert nicht nur, sondern beeinflusst, wie Menschen denken, fühlen und die Welt wahrnehmen. 
der 32-Jährige beschreibt einen Alltag, der vom Bildschirm bestimmt wird. Der Fernseher läuft direkt nach dem Aufwachen und begleitet ihn bis zum Einschlafen. Nachrichten werden dabei kaum noch hinterfragt. Was als „Breaking News“ über den Bildschirm flimmert, muss schließlich wahr sein – zumindest scheint es so. Genau mit dieser Haltung spielt der Musiker. Er kritisiert, wie schnell Menschen mediale Botschaften übernehmen. 
In „Only in America“ nimmt Vince dann auch noch den viel beschworenen amerikanischen Traum auseinander. Er verwendet typische Bilder eines vermeintlich perfekten Lebens in den USA: Feuerwerk am Freitagabend, weiße Gartenzäune und das Versprechen grenzenloser Freiheit. Hinter dieser glänzenden Fassade erkennt er jedoch eine deutlich düsterere Realität. Auch hier ist wieder ein Seitenhieb gegen Trump zu spüren, denn Zeilen wie „God bless the USA“ als Hook-Zeile sind wohl oder übel sarkastisch gemeint.

Kein Kommerz-Album
„Cotton“ gehört zu den melodischsten Tracks des Albums. Die Gitarren erinnern zunächst erneut an Jimi Hendrix, bevor Staples mit seinem ruhigen und klaren Rap einsetzt. Der warme, beinahe verträumte Sound steht dabei im starken Gegensatz zu den bedrückenden Themen des Songs.
Das Video knüpft an „White Flag“ an: Die zuvor weiß übermalte und durchlöcherte US-Flagge dient nun als Projektionsfläche. Gleichzeitig verweist der Titel „Cotton“ auf die Geschichte der Sklaverei und die Ausbeutung versklavter Menschen auf amerikanischen Baumwollplantagen.

Mit „7 in the Morning“ endet die Platte– und einige Fragen bleiben offen. Warum wollte Vince Staples gerade jetzt ein derart politisches und wütendes Werk veröffentlichen? Eine eindeutige Antwort liefert er nicht. Klar ist aber: „Cry Baby“ wirkt nicht wie ein Album, das auf größtmöglichen kommerziellen Erfolg zugeschnitten ist. Vielmehr nutzt Staples die Musik, um Missstände anzusprechen und seiner Wut über die gesellschaftliche Lage in den USA Ausdruck zu verleihen.
Dass dabei auch Donald Trump immer wieder als Symbol für dieses Amerika mitschwingt, ist kaum zu übersehen. Doch Staples’ Kritik richtet sich nicht nur gegen eine einzelne Person, sondern gegen ein ganzes System. „Cry Baby“ ist deshalb kein Werk für den beiläufigen Konsum. Wer nur auf Beats, Gitarren und Flow achtet, verpasst den eigentlichen Kern. Der Rapper will nicht nur unterhalten, sondern provozieren und zum Nachdenken bringen. Bequeme Antworten liefert er nicht – dafür aber wichtige Fragen!

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