Album „Aurora“

Yes: Selbstverwirklichung statt alter Nostalgie

Musik
14.06.2026 12:00
Porträt von Wien Krone
Von Wien Krone

„Aurora“ ist das dritte Studioalbum in nur fünf Jahren – das britische Prog-Kommando Yes ist so motiviert und aktiv wie seit und je. Der Gipfel des Albums ist das fast 15-minütige „Countermovement“ – aber auch sonst kann sich das insgesamt 24. Werk der Briten mehr als hören lassen.

kmm

Nach fast 60 Jahren Bandgeschichte sind Yes so produktiv wie lange nicht. Mit „Aurora“ veröffentlichen die Progressive-Rock-Veteranen hinter Klassikern wie „Roundabout“, „Starship Trooper“ und „Owner Of A Lonely Heart“ ihr drittes Studioalbum in nur fünf Jahren. Es ist das 24. der in London gegründeten einflussreichen Band, die unzählige Besetzungswechsel überstanden hat. Dienstältestes Mitglied und Leader ist der 79 Jahre alte Gitarrist Steve Howe.

Zutiefst spirituell
Der Albumtitel „Aurora“ sei sinnbildlich für die Musik von Yes. „Es vermittelt ein Gefühl von Licht, Staunen, Spiritualität und Transzendenz“, sagt Jon Davison. Der Amerikaner ist seit 2012 Leadsänger der Gruppe. „Für mich ist es außerdem ein zutiefst spirituelles Konzept. Der gleichnamige Song beschäftigt sich inhaltlich mit Ideen von Karma und der angeborenen Spiritualität, die in uns allen existiert – etwas, das darauf wartet, erweckt zu werden.“

Das epische Titellied eröffnet das Album filmreif mit sinfonischen Fanfaren, die das Czech National Symphony Orchestra beisteuerte, bevor Howes markanter Gitarrensound einsetzt. Der siebeneinhalb Minuten lange Song weist bewährte Yes-Qualitäten auf – erhebende Gesangsharmonien, komplexe Gitarren- und Keyboardtexturen, verspielte Instrumentalpassagen und wechselnde Tempi. Es ist der klassische Yes-Sound, aber kein Anbiedern an vergangenen Zeiten.

Vom Fan zum Frontmann
„Ich glaube, es ist fast unmöglich, etwas Bedeutungsvolles zu erschaffen, wenn man sich dabei in erster Linie von Nostalgie leiten lässt oder versucht, die Vergangenheit zu reproduzieren“, betont Davison. Der 55-Jährige war selbst lange Yes-Fan und Sänger in einer Yes-Tribute-Band, bevor ihn sein Jugendfreund Taylor Hawkins – der 2022 verstorbene Schlagzeuger der Foo Fighters – an Yes vermittelte.

Auf der Bühne will Davison das Vermächtnis seines prominenten Vorgängers, Gründungsmitglied Jon Anderson, ehren, mit dem er stimmlich viel gemeinsam hat. Als Künstler sei es ihm aber auch wichtig, etwas Eigenes zu schaffen. „Im Studio gibt es deutlich mehr Freiheit“, sagt er. „Dort kann ich meine eigene künstlerische Identität viel umfassender erforschen und mich auf eine Weise ausdrücken, die wirklich meine eigene ist.“

Das Songwriting bei Yes ist ein gemeinschaftlicher Prozess, den die Bandmitglieder mit einem Mosaik vergleichen, das sich nach und nach zusammensetzt. Beschränkungen oder Vorgaben, wie ein Yes-Album zu klingen habe, will sich die Gruppe nicht auflegen. „Stattdessen lassen wir den kreativen Prozess auf natürliche Weise entstehen“, sagt Davison.

Dem Stil treu geblieben
Durch Howe, der den Yes-Sound mit Unterbrechungen seit 1970 prägt, und die langjährigen Mitglieder Geoff Downes und Billy Sherwood bleibe man sich automatisch treu. „Durch sie besteht eine angeborene Verbindung zur Musik und zum Geist von Yes“, sagt Davison. „Das steckt ihnen im Blut.“

Songs wie „Turnaround Situation“ oder „Emotional Intelligence“ – über die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz – entwickeln sich nach und nach zu Ohrwürmern – genau wie „Ariadne“, bei dem Yes wieder vom Orchester begleitet werden. Der Einsatz echter Streicher verleiht dem Stück eine Wärme und Tiefe, die sich von vielen Synthesizer-Arrangements abhebt.

Keine Zeitbeschränkungen im Streaming-Zeitalter
Der Gipfel des Albums ist das fast 15-minütige „Countermovement“. „Wir haben das Glück, uns ein wenig Selbstverwirklichung leisten zu können“, sagt Jon Davison sichtbar zufrieden. „Das war immer etwas, worum es bei Yes ging, und das in gewisser Weise den Reiz ausmacht.“

In einer Zeit, in der Musik zunehmend auf die Anforderungen von Streaming-Algorithmen zugeschnitten wird, machen Yes konsequent das Gegenteil und bleiben sich treu. „Aurora“ überzeugt mit komplexen Melodien, Detailreichtum und nicht zuletzt dem unverkennbaren Klang, der die Band seit Jahrzehnten prägt.

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