Fr, 17. August 2018

Prozess gegen Abdeslam

05.02.2018 13:39

„Ich habe keine Angst und vertraue auf Allah“

Der Prozess gegen den mutmaßlichen IS-Terroristen Salah Abdeslam hat Montagfrüh unter strengen Sicherheitsvorkehrungen in Brüssel begonnen. Seine Missachtung der weltlichen Justiz machte der 28-jährige Franzose mit marokkanischen Wurzeln gleich am ersten Verhandlungstag deutlich. "Ich habe keine Angst vor euch - ich vertraue auf Allah", sagte er vor den Richtern im Justizpalast. Abdeslam soll zur Terrorzelle gehören, die die Anschläge in Paris im November 2015 und in Brüssel im März 2016 verübte. Angeklagt ist er aber zunächst wegen eines Feuergefechts mit der Polizei in Brüssel vor seiner Festnahme 2016. 

Hunderte schwer bewaffnete und zum Teil maskierte Mitarbeiter von Polizei und Streitkräften sicherten zum Prozessauftakt den Brüsseler Justizpalast. Bei der Ankunft des Angeklagten kreiste ein Helikopter mit Suchscheinwerfern über dem Gebäude. Gepanzerte Fahrzeuge waren in der Nähe postiert. Reue empfindet Abdeslam offenbar nicht, wie er schon vor dem Verfahren bekundete: "Ich schäme mich nicht dafür, wer ich bin", antwortete er einer Frau, die ihm ins Gefängnis schrieb.

Schon bei seinem ersten Auftritt enttäuscht der Franzose mit marokkanischen Wurzeln all jene, die gehofft hatten, er werde nach fast zwei Jahren sein Schweigen brechen. "Ich möchte keine Fragen beantworten", sagt der Mann mit dem dichten Bart und den zurückgegelten dunklen Haaren, als Gerichtspräsidentin Marie-France Keutgen fragt: "Sind Sie Salah Abdeslam, geboren am 15. September 1989 in Brüssel?" Mit einer Gegenanklage fährt der 28-Jährige fort: "Ich stelle fest, dass die Muslime auf die schlimmste aller Arten beurteilt und behandelt werden: ohne Mitleid, es gibt keine Unschuldsvermutung." Auch sich selbst sieht Abdeslam als Opfer, er warnt das Gericht davor, mit einem Urteil nur "die öffentliche Meinung befriedigen zu wollen".

Bis zu 20 Jahre Haft drohen
Abdeslam drohen in Brüssel wegen Schüssen auf Polizisten vor seiner Festnahme im März 2016 drei bis 20 Jahre Haft. Ihm und seinem mutmaßlichen Komplizen Sofien Ayari werden versuchter Mord an Polizisten und verbotenes Waffentragen "in einem terroristischen Kontext" zur Last gelegt. Das Verfahren in Brüssel ist nur der Auftakt: Erst danach kann Abdeslam wegen der Pariser Anschläge mit 130 Toten vor Gericht gestellt werden.

"Auch ich wollte als Märtyrer sterben"
Die Hinweise auf seine Beteiligung an den Attentaten sind erdrückend: Abdeslams Bruder Brahim war einer der Selbstmordattentäter, die sich am 13. November 2015 in Paris in die Luft sprengten. Salah Abdeslam selbst organisierte nach Erkenntnissen der Ermittler Mietautos und Zimmer für die Kommandos, die an dem ungewöhnlich milden Herbstabend ein Blutbad in der Konzerthalle Bataclan und auf den Terrassen mehrerer Restaurants und Bars anrichteten. Sie scheiterten aber mit ihrem Plan, in das Fußballstadion Stade de France einzudringen, wo die deutsche Nationalmannschaft gegen Frankreich spielte. Und auch Abdeslams Plan ging nicht auf: Laut einem Brief, der ihm zugeschrieben wird, zündete sein Sprengstoffgürtel nicht. "Auch ich wollte als Märtyrer sterben, aber Allah hat anders entschieden", wird er zitiert.

Anwalt: "Intelligenz eines leeren Aschenbechers"
Sein belgischer Anwalt Sven Mary, der Abdeslam in Brüssel vertritt, hat ihm einmal "die Intelligenz eines leeren Aschenbechers" bescheinigt. Er sei ein "kleiner Idiot" aus dem Brüsseler Vorort Molenbeek, der für seine Islamistenszene berüchtigt ist - "eher ein Mitläufer als ein Anführer". Darauf dürfte auch die Verteidigungsstrategie aufbauen. Den Wandel des jungen Mannes vom Kleinkriminellen zum Islamisten bemerkte lange niemand: Frühere Bekannte beschreiben ihn als eher gewöhnlichen Jugendlichen, der wie sein Bruder Brahim gerne Fußball spielte, Alkohol trank und mit Frauen anbandelte. Doch dann lernte er Abdelhamid Abaaoud kennen, der als Drahtzieher der Anschläge von Paris gilt. Wegen eines Raubes landeten beide 2010 hinter Gittern. Offenbar rekrutierte Abaaoud ihn dort für die Terrorzelle mit Verbindungen zum Islamischen Staat.

Einziger Überlebender der Selbstmordkommandos von Paris 
Abdeslam sitzt in Frankreich in Untersuchungshaft und wurde in der Nacht von dort nach Brüssel gebracht. Er kam erst unmittelbar vor Prozessauftakt Montagfrüh beim Justizpalast im Süden der belgischen Hauptstadt an. Zum Prozessauftakt wurde er zunächst zu seiner Identität befragt. Abdeslam gilt als der einzige Überlebende der Selbstmordkommandos, die am 13. November 2015 die Pariser Terroranschläge mit 130 Toten verübten. Er soll selbst einen Sprengstoffgürtel gehabt, diesen habe er aber nicht zünden können. Stattdessen soll er nach Belgien geflohen und untergetaucht sein. Monatelang galt er als meistgesuchter Mann Europas.

Verhandlung zunächst bis Freitag angesetzt
Als er bei einer Razzia im Brüsseler Viertel Forest am 15. März 2016 aufgespürt wurde, soll er mit Komplizen auf Polizisten geschossen und mehrere Beamte verletzt haben. Drei Tage nach dieser Schießerei wurden Abdeslam und der jetzt mitangeklagte Tunesier Soufien Ayari im Viertel Molenbeek gefasst. Die Verhandlung ist zunächst bis Freitag angesetzt.

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