Chaos in Teheran

Lage eskaliert – 13 Tote bei schweren Unruhen

Ausland
21.06.2009 10:55
In Teheran herrscht Chaos: Trotz eines landesweiten Demonstrationsverbots versammelten sich am Samstag Tausende von Oppositionsanhängern auf verschiedenen Plätzen in der iranischen Hauptstadt. Gebäude wurden in Brand gesteckt. Die Polizei ging mit Tränengas und Wasserwerfern gegen sie vor. Bei den Unruhen sollen laut Medienberichten 13 Menschen gestorben sein. Am Samstagabend hatte zudem der unterlegene Präsidentschaftskandidat Mir-Hossein Moussavi gegenüber seinen Anhängern angekündigt, er sei bereit, den Märtyrertod zu sterben.

Wie das staatliche Fernsehen am Sonntag berichtete, sind mehrere Menschen durch einen von Demonstranten gelegten Brand in einer Moschee getötet worden. "Randalierer" hätten die Lolagar-Moschee am Samstag in Brand gesetzt, dabei seien "unglücklicherweise einige Bürger" ums Leben gekommen, meldete der Nachrichtensprecher, ohne eine genaue Opferzahl zu nennen. 

Die Nachrichtenagentur Reuters sprach indes von 13 Toten. Der Sender zeigte Bilder des abgebrannten Gebäudes, die offenbar noch bei Tageslicht, also vor dem Abendgebet, aufgenommen worden waren. Die iranische Staatsmacht war am Samstag erneut mit aller Härte gegen die anhaltenden Proteste gegen den Ausgang der Präsidentschaftswahl vorgegangen.

Schüsse auf Demonstranten?
Die Nachrichtenagentur AFP berichtete unter Berufung auf Augenzeugen, mindestens ein Mann sei am Samstag in Teheran durch Schüsse verletzt worden. Er sei während einer Demonstration an der Schulter angeschossen worden. Es heißt, die Polizei sei mit Tränengas, Wasserwerfern und Schlagstöcken gegen Kundgebungsteilnehmer vorgegangen und soll in die Luft geschossen haben, um die Demonstranten auseinanderzutreiben. 

Rauch über dem Revolutionsplatz
Ein anderer Demonstrant berichtete, Polizei und Basij-Milizen hätten friedliche Kundgebungsteilnehmer brutal angegriffen. Diese seien vom Revolutionsplatz (Meydan-e-Enqelab) am Nachmittag die Straße entlangmarschiert, immer mehr Menschen hätten sich ihnen angeschlossen. Plötzlich sei eine große Anzahl von Wächtern auf Motorrädern aufgetaucht und habe begonnen, brutal auf die Menge einzuschlagen. Über dem Revolutionsplatz stieg dichter Rauch auf. Die Sondereinsatzkräfte der Polizei riegelten zahlreiche Straßen ab und hinderten Demonstranten daran, auf die Hauptstraßen rund um die Universität zu gelangen.

Der iranische Sicherheitsrat richtete unterdessen eine scharfe Warnung Moussavi: Er werde sich für die Folgen seiner Unterstützung der Straßenproteste verantworten müssen.

Anschlag auf Khomeini-Schrein rätselhaft
Die Berichte über den Anschlag auf das Mausoleum von Imam Khomeini, des Vaters der Islamischen Revolution, erwecken bei Beobachtern im Ausland ernsthafte Zweifel. Nicht nur wegen der im Laufe des Tages von den staatlichen iranischen Medien verbreiteten widersprüchlichen Opferzahlen. Ein Iran-Experte meinte im US-Sender CNN, möglicherweise habe das Regime den Bericht lanciert, um härter gegen die Opposition vorgehen zu können.

Die italienische Zeitung "Corriere della Sera" nennt mögliche Gruppen, die für einen Anschlag auf eines der Symbole der Islamischen Republik Iran verantwortlich sein könnten. Da sind etwa die Volksmujaheddin, eine exiliranische Bewegung, die früher vom irakischen Diktator Saddam Hussein unterstützt wurde. Auch die in Baluchistan operierende separatistische Sunniten-Bewegung Jundallah kommt in Frage. Diese Gruppen werden von Teheran als Instrumente der USA, Großbritanniens und Israels bezeichnet.

Exil-Iraner schließen aber nicht aus, dass der Anschlag von den Behörden ausgeführt wurde oder gar nicht stattgefunden hat. Das Regime könnte die Berichte darüber aber zum Anlass nehmen, um noch brutaler auf die anhaltenden Proteste reagieren zu können. So könne man die Oppositionsanhänger als gefährliche Terroristen präsentieren. Letzten Meldungen des staatlichen Senders Press TV soll der Selbstmordattentäter in dem Mausoleum drei Menschen verletzt haben.

Khamenei schließt Wahlfälschung aus
Der oberste Führer des Landes, Ayatollah Khamenei, hatte am Freitag Wahlfälschung in großem Stil ausgeschlossen. Gleichzeitig hatte er die Opposition aufgeordert, Einwände auf dem Rechtsweg vorzubringen, und mit Konsequenzen gedroht, sollten die "illegalen" Demonstrationen weitergehen.

Der Wächterrat erklärte sich dazu bereit, stichprobenartig zehn Prozent der Stimmen neu auszuzählen. Die beiden Zweit- und Drittplatzierten bei der Wahl, Moussavi und Mehdi Karroubi, kamen allerdings der Einladung des Wächterrats zur Sitzung am Samstag nicht nach. Damit wollten sie nach Einschätzung von Beobachtern ihre Forderung nach Wiederholung der gesamten Wahl bekräftigen.

Nachspiel für sechs iranische Fußball-Nationalspieler
Ihr politischer Protest hat möglicherweise auch ein Nachspiel für sechs iranische Fußball-Nationalspieler, darunter der Frankfurter Bundesliga-Profi Mehdi Mahdavikia und der frühere Bayern-Spieler Ali Karimi. Die sechs waren am Mittwoch beim WM-Qualifikationsspiel in Südkorea mit grünen Armbändern aufgelaufen und hatten damit ihre Solidarität mit der Protestbewegung demonstriert. Wie in Teheran bekanntwurde, hat das Parlament des Landes nun vom Fußballverband eine detaillierte Erklärung der Zwischenfälle gefordert und mit Sanktionen gedroht. Die Regeln des Weltverbandes FIFA verbieten politische Meinungsäußerungen auf dem Platz.

Europaweite Proteste von Exiliranern
Europaweit demonstrierten erneut Tausende Exiliraner gegen die Wiederwahl Ahmadinejads, etwa in Hamburg, Frankfurt/Main und Stuttgart. In der Nähe von Paris protestierten sogar zehntausende Exil-Iraner gegen die Führung in Teheran. Nach Angaben von Vertretern des Nationalen Iranischen Widerstandsrats (NWRI) trafen sich rund 90.000 Menschen in Villepinte zu einer Kundgebung. Die iranischen Präsidentschaftswahlen am 12. Juni seien nur ein illegales Werkzeug gewesen, um die schlimme Herrschaft im Iran zu stärken, hieß es.

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