Experten ratlos

EHEC-Erreger ist laut WHO ein völlig neuer Stamm

Ausland
02.06.2011 15:55
Überraschende Entwicklung im Fall um den für zahlreiche Darminfektionen verantwortlichen EHEC-Erreger: Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO wurden die derzeitigen Erkrankungen durch einen bislang völlig unbekannten Stamm von E. coli ausgelöst. Unterdessen hat ein Importstopp Russlands für EU-Gemüse heftige diplomatische Verstimmungen verursacht.

Bisher hat es in Europa keine Fälle mit dem EHEC-Keim des Serotyps O104:H4 gegeben, sagte die österreichische Generaldirektorin für Öffentliche Gesundheit, Pamela Rendi-Wagner. Lediglich in Südkorea sei bisher ein derartiger Fall beobachtet worden.

Offenbar ist der Stamm eine Mutation aus zwei bekannten E.-coli-Bakterien. "Dieser Stamm ist nur ein ganz entfernter Verwandter der üblichen EHEC-Bakterien", so Bakteriologe Holger Rohde vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Er weise Merkmale auf, die ihn mehr Giftstoffe produzieren ließen.

Bessere Haftung im Darm
Die genetische Neukombination begünstige das Anheften der Bakterien an die Darmzellen. Damit bleiben die Keime länger im Darm - und können dort auch länger Schaden anrichten. Der Keim weise zudem ein ganz besonderes Resistenzprofil auf. Die Arbeit gelang gemeinsam mit Kollegen des chinesischen Beijing Genomic Institute.

Bisher hat EHEC in Deutschland mindestens 17 Menschen das Leben gekostet. Erst am Donnerstag gab die Universitätsklinik in Hamburg bekannt, dass eine ältere Patientin an den Folgen einer Infektion mit EHEC-Bakterien gestorben sei.

Fieberhafte Suche nach der Quelle
Die Suche nach der Quelle für die Infektionen geht unterdessen weiter. Auch auf zwei weiteren in Hamburg getesteten Gurken haben Experten zwar EHEC-Keime, aber nicht die derzeit grassierende Variante gefunden, sagte eine Sprecherin des Bundesinstituts für Risikobewertung am Donnerstag in Berlin. 

"Die Quelle der anhaltenden Infektionen ist noch nicht ermittelt", erklärte der Präsident des Bundesinstituts, Andreas Hensel. "Es gilt weiterhin zu klären, an welcher Stelle in der Lebensmittelkette die Belastung mit Keimen erfolgt ist."

Importstopp löst Streit zwischen EU und Russland aus
Unterdessen ist zwischen Russland und der EU ein Konflikt um einen von Russland verhängten Importstopp für Gemüse aus allen EU-Ländern ausgebrochen. Russland hatte den Stopp wegen des EHEC-Keims verhängt. Der Leiter der russischen Verbraucherschutzbehörde, Gennadi Onischtschenko, sagte der Nachrichtenagentur Interfax, der Import-Stopp für frisches Gemüse sei am Donnerstag in der Früh in Kraft getreten. Die EU-Kommission hatte erst am Mittwochabend eine Gesundheitswarnung vor spanischen Gurken aufgehoben.

Die EU-Kommission hat Russland nun zu einer Erklärung für die Verhängung eines Importstopps aufgefordert. Die Entscheidung der russischen Behörden sei "unverhältnismäßig", sagte der für Gesundheit zuständige Sprecher der EU-Kommission, Frederic Vincent, am Donnerstag in Brüssel. "Die Kommission wird einen Brief an die russischen Behörden schreiben, um eine Erklärung zu verlangen." Pro Jahr werde frisches Obst und Gemüse im Wert "zwischen drei und vier Milliarden Euro" nach Russland exportiert, in erster Linie Äpfel.

Spanien verlangt Schadenersatz
Wegen der sich als falsch erwiesenen Einstufung von spanischen Gurken als Quelle für die Infektionen will Spanien nun Schadenersatz verlangen. Sein Land werde "vor den relevanten Behörden in Europa Entschädigungen für den entstandenen Schaden fordern", sagte Regierungschef Jose Luis Rodriguez Zapatero am Donnerstag im spanischen Rundfunk. Innenminister Alfredo Perez Rubalcaba hatte am Mittwoch gesagt, Spanien erwäge rechtliche Schritte gegen die Hamburger Behörden. Zapatero benannte nicht ausdrücklich, gegen wen sich die Forderungen richten könnten. Spaniens Obst- und Gemüse-Exporteuren ist nach eigenen Schätzungen in der vergangenen Woche ein Schaden von mehr als 200 Millionen Euro entstanden.

Schadenersatzforderungen kamen auch von den deutschen Bauern: Wegen Millioneneinbußen durch die Angst der Verbraucher vor dem Darmkeim EHEC forderte der Bauernverband Entschädigungen. Der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Gerd Sonnleitner, bezifferte im Gespräch mit der "Passauer Neuen Presse" die befürchteten Einbußen mit wöchentlich "rund 30 Millionen Euro". Viele Betriebe stünden vor dem Ruin. Sonnleitner kritisierte das Krisenmanagement einiger Behörden. Diese hätten sich "ohne abgesicherte Faktengrundlage" viel zu früh auf Gurken als Ursache festgelegt.

Verdachtsfall in St. Pölten nicht bestätigt
Unterdessen hat sich bei einem im Landesklinikum St. Pölten liegenden Patienten der EHEC-Verdacht nicht bestätigt. Der Mann war am Mittwochnachmittag eingeliefert worden. Er hatte sich erst kürzlich in Deutschland aufgehalten.

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