Verblüffende Studie

Gletscherschmelze in den 1940ern rasanter als heute

Wissen
14.12.2009 16:41
Höchst überraschende Resultate liefern neueste Studien von Schweizer Forschern zum Thema Klimawandel: Sie fanden heraus, dass die Gletscher in den 1940er-Jahren rasanter geschmolzen sind, als sie es heute tun. Wie die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH) am Montag berichtete, sehen die Wissenschaftler die Ursache dafür in der geringeren Aerosolverschmutzung der Atmosphäre und der damit verbundenen stärkeren Sonneneinstrahlung.

In der Schweiz wird laut ETH der Schneezuwachs im Winter und die Gletscherschmelze im Sommer an mehreren Messstellen auf rund 3.000 Metern seit fast 100 Jahren ohne Unterbrechung festgestellt. Mit dieser weltweit einzigartigen Messreihe untersuchte Matthias Huss während seiner Doktorarbeit, wie sich die Klimaveränderung im vergangenen Jahrhundert auf die Gletscher auswirkte. Dabei berücksichtigte das Forscherteam die seit 1934 in Davos gemessene Sonneneinstrahlung auf die Erdoberfläche.

Studien in den vergangenen zwei Jahrzehnten haben nämlich gezeigt, dass, verursacht durch Aerosole und Wolken, die Sonneneinstrahlung stark variiert, was vermutlich einen Einfluss auf Klimaschwankungen hat. In den vergangenen Jahren wurden für diese Phänomene die Begriffe "global dimming" und "global brightening" für reduzierte beziehungsweise erhöhte Sonneneinstrahlung geprägt. Diese beiden Effekte werden derzeit von Wissenschaftlern verstärkt erforscht, da sie nach Ansicht von Experten in den Klimamodellen berücksichtigt werden sollten.

"Paradoxon lässt sich über die Strahlung erklären"
Die neue Studie, die in der Fachzeitschrift "Geophysical Research Letters" publiziert wurde, bestätigt diese Forderung. Denn unter Berücksichtigung der erhobenen Daten für die Stärke der Sonneneinstrahlung kamen die Forscher zu einem überraschenden Ergebnis: In den 1940er-Jahren, insbesondere im Sommer 1947, verloren die Gletscher seit Beginn der Messreihe im Jahr 1914 am meisten Eis. Und das, obwohl die Temperaturen tiefer waren als in den vergangenen zwei Jahrzehnten. "Überraschend ist, dass sich dieses Paradoxon relativ einfach über die Strahlung erklären lässt", sagte Huss.

Schuld an der starken Gletscherschmelze sei der hohe kurzwellige Strahlungseintrag in den Sommermonaten. Dieser lag in den 1940er-Jahren um acht Prozent über dem Langzeitdurchschnitt und um 18 Watt pro Quadratmeter über demjenigen der vergangenen zehn Jahre. Dies führte dazu, dass, über das gesamte Jahrzehnt der 1940er gemittelt, vier Prozent mehr Eis schmolz als in den vergangenen zehn Jahren.

Huss wies darauf hin, dass die damalige starke Gletscherschmelze zwar die Annahme eines "noch nie dagewesenen" Gletscherschwundes in den vergangenen Jahren relativiert. "Dies sollte jedoch nicht zum Schluss verleiten, dass die aktuelle Klimaerwärmung gar nicht so problematisch für die Gletscher ist, wie bisher angenommen", hält der Glaziologe fest. Denn außergewöhnlich ist nicht die Rate, mit der die Alpengletscher momentan schmelzen, sondern, dass der starke Rückgang nun seit 25 Jahren anhält.

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