Fr, 24. November 2017

Acht Monate nach OP

17.02.2017 20:06

Gesichtstransplantation „weit über Erwartungen“

Nur acht Monate nachdem ihm ein Chirurgenteam das Gesicht eines Toten transplantiert hat, zeigte Andy Sandness stolz das Ergebnis: "Es übertrifft alle meine Erwartungen", sagt der 31-Jährige, der sich vor zehn Jahren mit einem Gewehr Kinn und Nase wegschoss. Er genieße es nun, "lediglich irgendein Gesicht in der Menge" zu sein.

Es war kurz vor Weihnachten im Jahr 2006, als sich Andy Sandness aus Newcastle im US-Bundesstaat Wyoming mit einem Gewehr das Leben nehmen wollte.

Der Selbstmordversuch scheiterte, stattdessen schoss sich der damals 21-Jährige Kinn und Nase weg. Zehn Jahre später kann Andy sich wieder mit Freude im Spiegel betrachten, denn ihm wurde das Gesicht eines 21-Jährigen transplantiert, wie die "Daily Mail" berichtete.

56 Stunden dauerte der Eingriff an der Mayo-Klinik, an dem ein 60-köpfiges Team unter der Leitung von Dr. Samir Mardini beteiligt war, im Juni des letzten Jahres. Andy bekam von seinem Spender die Nase, Wangen, den Mund, seine Lippen, sogar seine Zähne. Als er sich ein paar Wochen nach der OP das erste Mal im Spiegel betrachten durfte, notierte er in seinen Block: "Es übertrifft all meine Erwartungen."

"Sie müssen stark und geduldig sein"
Zahlreiche Operationen hatte er davor über sich ergehen lassen müssen, bevor die Transplantation stattfinden konnte. "Sie müssen stark und geduldig sein", hatte Mardini ihm kurz nach seinem Selbstmordversuch laut der Zeitung gesagt. Zunächst mussten bei acht Eingriffen totes Gewebe und Knochenteilchen entfernt, die miteinander verbundenen Gesichtsknochen mit Titanplatten und Schrauben wieder verbunden werden. Sein Oberkiefer wurde mit Knochen und Muskelteilen aus der Hüfte wiederhergestellt. Aus Teilen eines Beines wurde ein neuer Unterkiefer gemacht. Ein Augenlid musste ebenfalls wiederhergestellt werden.

Er hatte Angst, Kinder zu erschrecken
Schon nach vier Monaten konnte Andy nach Hause zurückkehren, arbeitete sogar wieder. Aber er traute sich nicht mehr wirklich an die Öffentlichkeit, hatte kaum mehr Kontakt zu anderen Menschen außer seiner Familie. Er hatte Angst, Kinder zu erschrecken, wenn sie ihn ansahen, seine künstliche Nase fiel ständig ab, so die Zeitung.

Als die Klinik 2012 entschloss, ein Gesichtstransplantationsprogramm zu starten, wäre Sandness lieber früher als später operiert worden. Doch er musste weiterhin geduldig sein, Mardini sich die speziellen Feinheiten einer solchen Operation erst aneignen. Hinzu kamen bürokratische Hürden sowie die Frage, die es ebenfalls zu beantworten galt: Verdient ein Mensch, der sich das Leben nehmen wollte, diese Chance?

Schwangere Witwe gab Okay für Gesichtstransplantation
2015 wurde Andys Name auf die Warteliste gesetzt, im Juni 2016 dann endlich der passende Spender gefunden: ein 21-jähriger werdender Vater, der seinem Leben ein Ende gesetzt hatte. Als die Familie - allen voran die erst 19-jährige Witwe, im achten Monat schwanger - des 21-Jährigen das Okay gab und die letzten Tests die Eignung ergaben, konnte die Transplantation stattfinden. Als "Wunder" bezeichnete Mardini die gelungene Operation, die 56 Stunden dauerte. Im Dezember war noch ein weiterer Eingriff nötig, unter anderem um die Haut an Gesicht und Hals zu straffen.

"Da wusste ich, dass die Operation ein voller Erfolg war"
Andy kann nun wieder riechen, normal atmen und sogar Äpfel, Steak und Pizza essen. Er lernt, seine Zunge in einem neuen Mund und Kiefer zu gebrauchen, und träumt nun von seinem neuen Leben: zu heiraten und vielleicht sogar eine Familie zu gründen. Dass die Operation ein voller Erfolg war, sei ihm übrigens klargeworden, als ihn in einem Aufzug ein kleiner Bub angesehen hatte. Als das Kind sich wieder zu seiner Mutter drehte, ohne etwas über sein Gesicht zu sagen oder Angst zu haben, "da wusste ich es".

Heike Reinthaller-Rindler
Chefin vom Dienst
Heike Reinthaller-Rindler
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