Fr, 22. Juni 2018

T-Shirts als Affront

23.07.2017 18:16

Junge "Helden": Erdogans neue Staatsfeinde

In der Türkei sind binnen einer Woche mehr als ein Dutzend Menschen festgenommen worden, weil sie ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Held" getragen haben. Zuletzt wurden am Samstag ein Paar in Antalya sowie ein Jugendlicher in Canakkale im Südwesten des Landes aus diesem Grund festgenommen, wie die Nachrichtenagentur Dogan berichtete. Staatschef Recep Tayyip Erdogan scheint ein neues Feindbild gefunden zu haben.

Die türkischen Behörden sehen in dem Aufdruck eine Unterstützerbotschaft für die Putschisten, die vor einem Jahr versucht hatten, Erdogan zu stürzen. Die Festnahmewelle hatte nach dem Auftritt eines Angeklagten in einem Prozess gegen mutmaßliche Putschisten begonnen, der ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Held" getragen hatte. Erdogan hatte sich danach dafür ausgesprochen, dass die Angeklagten künftig bei Prozessen in einheitlicher orangefarbener Bekleidung ähnlich den Insassen des US-Gefangenenlagers Guantanamo in den Gerichtssaal geführt werden sollten.

"Helden sind unsterblich" - oder "Terroristen"
Binnen einer Woche wurden nach Angaben der Nachrichtenagenturen Dogan und Anadolu mindestens 15 Menschen festgenommen, weil sie T-Shirts mit dem Aufdruck "Held" in Großbuchstaben und dem Slogan "Helden sind unsterblich" trugen. Die meisten waren Studenten oder Arbeiter. Mindestens zwei Festgenommenen wird nun "Terrorpropaganda" zur Last gelegt. Der am Samstag festgenommene Jugendliche wurde laut Dogan von Passanten angezeigt. Er sei von Polizisten gezwungen worden, ein rotes T-Shirt anzuziehen, bevor er zum Polizeikommissariat abgeführt wurde.

Kurz fordert von EU "mehr Entschlossenheit"
Im Zuge des zunehmenden Zerwürfnisses Europas mit der Politik Erdogans forderte Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) die EU am Wochenende zu "mehr Entschlossenheit" auf. "Ich werde mich weiterhin für einen Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei einsetzen", sagte Kurz der deutschen "Welt am Sonntag". Er begrüße es, dass der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) "seine Beurteilung der Lage und den Umgang mit der Türkei überdacht hat". Vor einigen Wochen habe Gabriel ihm noch Populismus vorgeworfen.

Steinmeier: Kritik an Türkei auch "Frage der Selbstachtung"
Auch der sonst so diplomatisch auftretende deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier verschärfte zuletzt seinen Ton gegenüber der Türkei und Erdogan. "Viele, die auch in diesem Staat kooperativ auch mit ihm und seiner Partei in den letzten Jahren gearbeitet haben, werden jetzt verfolgt, werden ins Gefängnis gesteckt, werden mundtot gemacht", sagte er im ZDF-Interview. "Das können wir nicht hinnehmen", so Steinmeier. "Das ist auch eine Frage der Selbstachtung unseres Landes, finde ich, hier deutliche Haltsignale zu senden."

Der Präsident begrüßte den offenen Brief von Außenminister Gabriel an die in Deutschland lebenden Türken. Er könne sich vorstellen, dass bei den drei Millionen Deutschtürken der Schmerz am allergrößten sei, wenn sie beobachteten, dass die von vielen Menschen gebauten Brücken nun von Ankara abgerissen würden. "Das ist wirklich bitter und deswegen war ein Wort an die türkischstämmige Bevölkerung nötig", sagte Steinmeier.

Erdogan verbittet sich Einmischung
Erdogan reagierte am Sonntag kühl auf die Anschuldigungen aus Europa: Er verbat sich jede Einmischung in die inneren Angelegenheiten seines Landes. Die Türkei sei "ein demokratischer, sozialer Rechtsstaat", sagte er am Sonntag in Istanbul. "Niemand hat das Recht, sich in die inneren Angelegenheiten der Türkei einzumischen." Die Türkei werde "alles in ihrer Macht Stehende tun", um gegen "Provokateure" im Land vorzugehen.

 krone.at
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