Die knapp 6000 Zuschauer in der Belfaster Odyssey-Arena wurden zwei Stunden lang von Sinneseindrücken überflutet. „Es wird eine Power-Show zwischen Glamour und Renaissance“, versprach Miss Aguilera beim Tourstart in London. Als der schwere, seidige Raffvorhang die Bühne zu „Ain’t No Other Man“ freigibt, tänzelt sie im hautengen weißen Anzug, begleitet von muskulösen
Tänzern die blinkende Showtreppe herab.
600 bewegliche Scheinwerfer setzen Christinas „Spielplatz“ in Szene, und die zehnköpfige Band lässt die Instrumente keine Sekunde ruhen. Die Popsängerin mit der gewaltigen Stimme überrascht von Tänzern umgarnt mit einem swingenden „All I Want Is You“ und erscheint kurz darauf bei „Makes Me Wanna Pray“ in sinnlichen Dessous. Die berüchtigte Cowboy-Lederhose, die sie auf ihrer „Stripped“-Tour trug, hat sie durch Spitze und Brokat ersetzt.
„Ich muss mich einfach präsentieren“, sagte Christina bei der Pressekonferenz in London. Die atemberaubenden Kostüme von Meisterschneider Roberto Cavalli wechselt sie bei jedem zweiten Song, schlüpft vom ultraknappen, feuerroten Paillettenkleid für „What a Girl Wants“ ins schwarze 20er-Jahre-Mieder, um bei „Nasty Naughty Boy“ lasziv um einen ausgewählten Zuschauer zu streifen. Der schüchterne Collin aus irgendeinem Kaff in der Nähe Belfast hatte sichtlich Mühe, die Fassung zu bewahren.
Aber nicht alles ist Show. „Oh Mother“ haucht Christina mit bebender Stimme, den Kopf dramatisch in die Hände gestützt. Hinter ihr läuft ein todernster Film: eine Familie, die an der Tyrannei des Vaters beinah zerbricht. Die Szenen zeigen geschwollene Lippen, und blutig geschlagene Knöchel kleiner Kinderhände – autobiografisch soll der Kurzfilm wirken, der über insgesamt drei Videowalls flimmert. „I love you, Mom“ erscheint beim Applaus.
Mit einem neuen Szenenbild findet Christina dann zurück in die Power-Show: Die Halle wird zur Manege. Eine überdimensionale, mit Messern besteckte Zielscheibe wird hereingerollt, Feuerschlucker und Akrobaten wirbeln über die Bretter, während Christina auf einer zehn Meter hohen Schaukel pendelt. Sündig bis zum Gehtnichtmehr, hier wird’s fast schon zu viel. So rasend die Zirkuseinlage auch war, so ruhig und bedacht geht sie dann bei „Save Me From Myself“ zur Sache. Ein Stuhl auf der Bühne, ein Spotlight auf Christina – das war’s. Aber wieder nicht lange: Für „Dirrrty“ fährt sie auf einem kitschigen, rosafarbenen Karussellpferd aus dem Boden, „Lady Marmelade“ singt sie in Korsett und rotem Federschweif auf einem barocken Divan.
Trotzdem hat nichts von alledem mit der oberflächlichen Anrüchigkeit ihrer letzten Tour zu tun. Sie zaubert, spielt mit Reiz und Sinnlichkeit und gestattet ihren Fans, die Show mit Phantasie zu erleben, statt ihnen einen Stringtanga und zwei Pobacken vorzusetzen. Das hat wirklich was – nämlich weit mehr, als das abgelegte Pseudonym „Xtina“ jemals hätte bieten können. Ihre Ballade „Beautiful“ wird zum Hallenkaraoke und „Fighter“, bei dem Christina die letzten Kraftreserven aus sich heraussingt und das Publikum zur Ekstase antreibt, zum finalen Höhepunkt. Erlösung gibt’s für die Fans erst beim goldenen Confettiregen – selten wird man so beglückt.
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