Mo, 21. Jänner 2019

Pleite & Abwanderung

05.12.2015 15:19

Schon 60 Betriebe kehrten Wien den Rücken

Traurige Weihnachten für Tausende Wiener, die bis vor Kurzem noch einen Job hatten: Zielpunkt, der Dienstleister AGO oder Jaguar in Liesing sind pleite. Die Autozubehörkette Forstinger siedelt zudem nach Niederösterreich ab. Kein Einzelfall. Viele fragen sich: "Bin ich der Nächste?" Und: "Was läuft da falsch?"

Fakt ist: 60 Unternehmen haben laut Wirtschaftskammer allein in den vergangenen fünf Jahren Wien den Rücken gekehrt und sind ins Umland gezogen - darunter die bekannten Niemetz-Schwedenbomben. Um Jobs und Betriebe zu halten, mache Wien viel zu wenig, kritisiert die Kammer."Wien vernichtet dauerhaft Arbeitsplätze. Und das in einer Zeit, wo die Arbeitslosigkeit ein Rekordniveau erreicht hat", sagt Wirtschaftskammerpräsident Walter Ruck.

Zu wenig Platz für neue Betriebe
Einer der Gründe - neben der Bürokratie -, weshalb immer mehr Betriebe Wien (oft auch unfreiwillig) auf Nimmerwiedersehen sagen, ist laut der Wirtschaftskammer folgender: "Wenn man produzierende Unternehmer in dieser Stadt halten und neue Firmen ansiedeln will, braucht man Platz", so Ruck. In den vergangenen 15 Jahren sind die Betriebsflächen um immerhin 30 Prozent zurückgegangen bzw. umgewidmet worden.

"Wien muss alles tun, um bestehende Betriebe zu halten"
Zusätzlich rücken die Wohngebiete immer näher an die Industriezonen heran. Mit folgendem Problem: Die neu dort lebenden Anrainer beklagen sich oft über den Lärm von Firmen, die womöglich schon seit 100 Jahren ihren Standort an der gleichen Stelle haben. "Wenn ich aber von 20 Uhr bis 6 Uhr meinen Betrieb dichtmachen muss, kann ich gleich zusperren" - eine Beschwerde, die oft an die Wirtschaftskammer herangetragen wird. Präsident Ruck: "Wien muss alles tun, um die bestehenden Betriebe zu halten."

Daher stellt die Wirtschaftskammer folgende Forderungen:

  • Genereller Umwidmungsstopp von Betriebsgebieten
  • Verbesserung der Anbindung der Betriebsgebiete an das öffentliche Verkehrsnetz
  • Einführung eines Bezirksfinanzausgleichs

"Wien muss Image in der Welt aufbauen"
Regioplan-Chef Wolfgang Richter hat einige Ideen für Wiens Zukunft als Wirtschaftstandort: "Wien muss endlich ein Image, ein Alleinstellungsmerkmal, in der Welt aufbauen, um eine Sogwirkung auf Firmen auszuüben. Dass wir Drehscheibe in Richtung Osten sind, halte ich für eine Illusion." Sich nur als Stadt der Musik und Künstler zu positionieren, sei zu wenig, so der Standortexperte: "Wir müssen Themen in der Forschung besetzen und wir brauchen eine flexiblere Bürokratie."

Die günstige geografische Lage Wiens in Europa reicht nicht mehr aus. Dafür sind die finanziellen Belastungen hoch, wie etwa der "Le Meridien"-Pächter im 1. Bezirk erfahren musste. Das Ringstraßen-Hotel ist zahlungsunfähig. In den Bankrott schlitterte auch Jaguar Wien. Die Stadt müsse globaler denken, kritisieren Wiens Unternehmer.

Die Knackpunkte kurz zusammengefasst:

  • Wenig Zuwanderung von Betrieben, kaum Investoren
  • Bürokratische und finanzielle Hürden - etwa hohe Steuerbelastungen
  • Laut Umfrage unter 240 Top-Managern bemängeln 69 Prozent fehlenden Mut und Innovationsbereitschaft.

Brauner weiterhin von Wien überzeugt
Finanzstadträtin Renate Brauner will sich Wien als Wirtschaftsstandort aber nicht schlechtreden lassen. Schon viele Unternehmen seien nach Wien gewandert: Palmers (583 Mitarbeiter) oder der Kran-Spezialist Prangl. Brauner: "Mit der Standortinitiative bietet die Wirtschaftsagentur eine Förderung von bis zu 500.000 Euro für Unternehmen an, die sich in Wien neu ansiedeln."

Aus dem Video-Archiv: "Zielpunkt war ein Fass ohne Boden"

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