Infotainment

Wer uns den Krieg ins Wohnzimmer liefert

Web
20.03.2003 18:42
Alle, die nicht unbedingt dort sein müssen, verlassen den Irak: UNO-Mitarbeiter, Friedensaktivisten, Journalisten. Alle? Nein, nicht alle. Eine Handvoll Korrespondenten harrt aus, dort, wo die Bomben fallen werden, um live vom Ort des Geschehens zu berichten. Sie haben nicht nur mit US-Angriffen zu kämpfen, sondern auch mit der Militärzensur.
Es sind die ganz Waghalsigen unter den Journalisten,die den Kampf aufnehmen, immer das Risiko vor Augen, selbst Opfereiner Rakete, einer Kugel oder eines ABC-Kampfstoffes zu werden.US-Präsident George W. Bush hat explizit auch die Pressevertreteraufgefordert, das Land zu verlassen. Das Gebäude des Informationsministeriums,von dem aus zahlreiche ausländische Journalisten aus Bagdadberichteten, ist bereits als vorrangiges Ziel des Militärschlagesgenannt worden. Inzwischen haben auch die Fernsehteams, die vorerstim Land bleiben, ihre Sendeanlagen vom Dach abgebaut. 
  
TV aus dem Irak 
Im Irak vertreten bleiben der US-NachrichtensenderCNN, die britische BBC, der arabische Satellitensender Al Jazeera.Auch die Reporter von ZDF, RTL bzw. n-tv sowie Sat.1, ProSiebenund N24 bleiben vorerst im Land. Besonders Al Jazeera und CNNwerden allerdings skeptisch beäugt. Al Jazeera wird Parteinahmefür Saddam Hussein vorgeworfen, CNN US-Regierungspropaganda.Die Sender weisen den Vorwurf der gezielten Desinformation ihrerseitsaber zurück, dass sie im Ernstfall amerikanische (bzw. irakische)Propaganda transportieren, ist aber dennoch wahrscheinlich. Schließlichhängen ihre Berichte von Militärquellen und wahrscheinlichMilitärzensur ab. 
  
Kriegsgeschehen in Echtzeit 
Ein Heer von Journalisten und Fotografen hat rundum den Irak im Nahen Osten Stellung bezogen, Hotelzimmer in Kuwaitwurden zu modernen Newsrooms umfunktioniert. Die Presse ist hautnahdabei, mit hypermodern ausgerüsteten Geländewagen mitSatellitenschüsseln, mit Laptops, Videoschnittsoftware undMinikommunikationsausrüstung wird das Kriegsgeschehen inEchtzeit dokumentiert. So bekommen wir beeindruckende Bilder undauthentische Informationen (oder das, was wir dafür halten)direkt in unser Wohnzimmer geliefert. Als Anschauungsunterrichtfür die Macht der Medien übrigens sehr zu empfehlen:der US-Kinofilm "Wag the Dog". 
  
Österreichische Kommunikationstechnik
Die US-Militärs setzen übrigens auf österreichischeÜbertragungstechnik. Satelliten-Videotelefone made in Austriasollen eine Art "Schlachtfeld-TV" ermöglichen, mit dem dieMilitärs viel flexibler als bisher auf aktuelle Ereignissereagieren wollen. 
  
Bilderflut schon vor dem Krieg 
Erst kommt die Bilderflut, dann fallen die Bomben.Die US-Streitkräfte am Golf hatten ein besonderes Weihnachtsgeschenkfür die Medien parat: ein frisches Bildarchiv mit Aufnahmenvom Flugzeugträger "USS Constellation", die elektronischeMedien weltweit zur Illustration des beginnenden Krieges gegenden Irak verwenden sollten. Rauchende High-Tech-Maschinen, Kampffliegerim Formationsflug, Bodenarbeiter in der Pose von Rockstars - dieZutaten für die Bilderzählung "Krieg gegen Saddam" liegenschon lange vor und werden täglich erweitert. Jetzt müssendie Bilder nur noch mit Ereignissen gekoppelt werden. 
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