Mit harten Bandagen attackiert die niederösterreichische ÖVP jetzt einen Koalitionspartner auf Bundesebene. Neos-Minister Christoph Wiederkehr ist ins Visier schwarzer Bildungspolitiker in St. Pölten geraten. Die Liste der Vorwürfe ist lang. Sie reicht von Ankündigungspolitik über unfaire Mittelverteilung bis hin zum Schreckgespenst der Gesamtschule.
Harte Worte findet René Lobner, Bildungssprecher der ÖVP im Landtag, viele Maßnahmen von Minister Wiederkehr würden „Angst und Schrecken an den Schulen verbreiten“. Statt praxistauglicher Lösungen liefere der Minister bisher vor allem Überschriften. Und er verteile die bereitgestellten Fördermittel unfair.
500 Lehrer für Wien, 38 für NÖ
Diese Schieflage zeige sich vor allem beim Chancenbonus. Im Rahmen dieser Aktion stehen für Schulen mit besonderen Herausforderungen 800 zusätzliche Lehrkräfte parat. „Davon erhält Wien 500, Niederösterreich aber nur 38“, wettert Lobner: „Und das, obwohl es hier doppelt so viele Schulen gibt wie in der Bundeshauptstadt.“ Kritik gibt es auch am kürzlich von Wiederkehr eingeführten Bildungskompass, der Eltern als Orientierungshilfe bei der Schulwahl dienen soll. „Die derzeitige Darstellung der Standortdaten ist aber irreführend“, kritisieren die ÖVP-Vertreter: „Schulen werden in Leistungsdrittel eingeteilt, ohne transparent darzustellen, auf welchen Vergleichsgrundlagen diese Einordnung beruht.“
Bildungsminister Wiederkehr soll seinen Elfenbeintrum in Wien verlassen.
René Lobner, Bildungssprecher der ÖVP im NÖ-Landtag
Kleine Schulen benachteiligt
Aus der Praxis des Schulalltags berichtet indes Lehrervertreterin Claudia Andre. Denn bei der Bereitstellung von Unterstützungspersonal hapert es trotz gegenteiliger Ankündigungen aus dem Bildungsministerium. So würden beim sogenannten Mittleren Management, das Lehrkräfte von administrativen Aufgaben entlasten soll, größere Schulen ab 14 Klassen in Ballungsräumen bevorzugt. Andre: „Auch kleinere Schulen auf dem Land brauchen Organisation und Koordination. Unterstützung darf keine Frage der Postleitzahl sein.“ Zudem mangelt es laut Andre nach wie vor an Schulpsychologen und schulischen Sozialarbeitern: „Lehrkräfte sollen unterrichten und nicht fehlendes Unterstützungspersonal ersetzen müssen.“
Finanzielle und ideologische Barrieren
Aufs Korn nehmen die ÖVP-Politiker auch die von Wiederkehr propagierte sechsjährige Volksschule „Als die Pläne verkündet wurden, habe ich zuerst an einen Scherz gedacht“, erklärt Lobner. Zum einen scheitere ein solches Projekt an der nötigen Infrastruktur: „Keine Gemeinde kann sich die dafür notwendigen Um- und Ausbauten leisten.“ Und zudem sieht der schwarze Bildungspolitiker ideologische Barrieren: „Die sechsjährige Volksschule ist die schleichende Einführung der Gesamtschule.“
Zierleiste statt Hausaufgabe
Schließlich reitet noch Mathias Zauner, Landesgeschäftsführer der Volkspartei in Niederösterreich, eine Attacke gegen Minister Wiederkehr. Er erinnert daran, dass die für den Erhalt der Sonderschulen notwendige Wiederaufnahme der sonderpädagogischen Lehrerausbildung im Regierungsprogramm festgeschrieben sei: „Da ist der Minister säumig.“ Abschließend stellt er dem Neos-Minister ein zwiespältiges Zeugnis aus: „Er malt gerne die Zierleiste, vergisst aber auf die Hausübung darüber.“ In der Bildungspolitik brauche es Reformen, die in der Praxis funktionieren und nicht nur auf dem Papier gut aussehen.
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