Die Kunsthalle Prag widmet Annette Messager, Frankreichs Grande Dame der Kunst bis 27. Februar eine ganz fantastisch schaurige Schau.
Das Tragische und das Komische greifen wie Zahnräder im Werk von Annette Messager ineinander. Der Titel ihrer Personale, die bis 28. Februar 2027 in der Kunsthalle Prag in eine magisch dunkle wie irritierende Zauberwelt verführt, trägt daher ganz konsequent den Titel: „Tragikomedie“.
HunderteSchlummerrollen begrüßen einen im erstenAusstellungsraum. Als Haufen, aufgetürmt in Ecken,als Wasserfall die Stirnwand herabstürzend.
Messager hat Pinocchio eine Welt gebaut. Der Puppe, die so gerne Mensch werden möchte, dem faulen „Schlingel“, wie sie ihn nennt, der doch nur Spaß haben will, Geld verjuxt, mit finsteren Gestalten um die Häuser zieht.
Wer träumt Pinocchios Traum vom Menschsein?
Unter der Schlummerrollen-Kaskade scheint er zu wohnen und lässt sich auf einer davon gemütlich durch die Gegend ziehen. Doch unter den andern lugen Finger, Körperteile, Blutgefäße, Knochenteilchen hervor, stechen gefährlich große spitze schwarze Nasen hervor.
Als wäre man in Pinocchios Traum vom Menschwerden gestolpert – oder ist es unser eigener Albtraum, der zum fremdbestimmten Marionettendasein Verdammten, die träumen, so frei wie Pinocchio zu sein? Für den französischen Pavillon auf Venedigs Biennale 2005 geschaffen, hat sie die Arbeit in Prag wieder aufgebaut. Auch die zweite Installationshälfte.
Dort baumeln die Nasen an Commedia-dell’arte-Masken von der Decke. Senken sich auf ein rotes, blähendes, in den Raum quellendes Stoffungetüm. Darunter leuchten geheimnisvolle Objekte. Ist man wie Pinocchio im Bauch des Wals gelandet oder doch in dem der Mutter?
Es ist dieses lustvolle Vexierspiel zwischen skurril, surreal, bunt, grauslich, aber auch kritisch und feministisch, das Messagers Kunst beherrscht. Den von der Gesellschaft geforderten Mutter- und Frauenpflichten erteilt sie eine Absage. Da baumelt die Braut als verbranntes Skelett im schwarzen Tüll an der Wand, sticht aus den aus Stoff geformten Eierstöcken ein Stinkefinger.
1943 geboren, studierte Annette Messager an der École Nationale Supérieure des Arts Décoratifs in Paris, brach das Studium jedoch vorzeitig ab.
2005 bekam sie den Goldenen Löwen für den besten nationalen Beitrag der Biennale in Venedig.
Ihr Werk wurde in zahlreichen Einzelausstellungen gezeigt, etwa im Mori Art Museum, Tokio, oder im Centre Pompidou, Paris.
Sie nahm mehrfach an der documenta in Kassel sowie der Biennale von Venedig teil.
2016 erhielt sie den „Kunst-Nobelpreis“, den japanischen „Praemium Imperiale“.
Wie zum Trotz sind es Stickereien, Näharbeiten, weiblich konnotierte, häusliche Arbeitsweisen, die sie aufgreift. Ein ganzer Raum wird so zur horriblen Näh- und Stick-(Folter)-Kammer mit monströsen Handarbeitsutensilien. Dazu kommen herrlich pointierte Zeichnungen, Fotos, Skulpturen und skulpturale Installationen, die einen in das einzigartige Universum von Annette Messager abtauchen lassen. Eine Bereicherung!
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