„Krone“ live mit dabei

Stevie Wonder: Die Seelen der Welt auf einer Bühne

Pop-Rock
25.10.2026 09:00

In Österreich war Stevie Wonder das letzte Mal 1989 zu Gast, in Deutschland 2010 – sein Gig am Samstagabend vor ausverkauftem Haus in Hannover war ein ein einziger Triumphzug, der eindrcksvoll bewies, warum er noch immer zu den allergrößten der Musikhistorie zählt. Die „Krone“ war live dabei.

kmm

Wer früh genug in der größten Konzertarena Hannovers angekommen ist, der hatte vor dem Merchandise-Stand von Stevie Wonder noch die große und vielleicht einmalige Chance, einem weiteren Topstar in die Arme zu laufen. Niemand Geringer als Superstar Herbert Grönemeyer ließ sich das erste Deutschland-Konzert der amerikanischen Soullegende seit 2010 nicht entgehen. Auch der global wohl berühmteste Sohn der Stadt, Scorpions-Sänger Klaus Meine, fieberte vom VIP-Club aus fleißig mit, versteckte sich aber schon nach Ankunft und ward dann nicht mehr auf den offenen Flächen gesehen. Jedem das seine - und dem anwesenden Publikum das meiste. Erst vor wenigen Monaten wurde die Wonder-Livereise kurzfristig anberaumt, fand man nach jahrelangem Tüfteln und Überlegen offenbar doch eine adäquate und dem Top-Künstler gerecht werdende Form, wie man exakt zum 50-Jahre-Jubiläum seines stilbildenden Meisterwerks „Songs In The Key Of Life“ ebenjenes Kultwerk der Allgemeinheit zugänglich machen könnte.

Die Bühne ist vollgestellt
Dieses Werk war einst der Abschluss von fünf aufeinanderfolgenden Meisterwerk-Alben in ebenso vielen Jahren und brachte Wonder damals den dritten Album-Grammy en suite, was bis heute – allen Michael Jacksons und Taylor Swifts zum Trotz – noch immer ungeschlagener Rekord ist. Am zuvor genannten Monumentalwerk arbeitete Wonder einst akribisch wie eine Maschine und überließ nichts dem Zufall. Sage und schreibe 108 Personen arbeiteten daran mit, allein acht Leute bekamen von Wonder Credits, obwohl sie nur geklatscht haben. Eine derartige Travel-Party kann sich selbst ein Stevie Wonder nicht leisten. Wer von den Besuchern erstmals an diesem Abend das Areal betritt, merkt aber schnell, dass hier, bei der wohl finalen Europa-Reise des Kultkünstlers, kein Cent mehrmals umgedreht wurde. Die imposante Bühne erstreckt sich fast über fünf Stockwerke, die allesamt durchgehend von Musikerin besetzt sind. Alles in allem tummeln sich rund 30 Instrumentalisten und Sänger – Kernstück neben der Rockformation Wonder, doppelter Gitarre, Bass und doppeltem Drumset sind ein neunköpfiges Streicher-Konglomerat und fünf famos aufspielende Bläser.

Der große Stevie Wonder auf der überdimensionalen Videowall bei seinem Auftritt in Hannover.
Der große Stevie Wonder auf der überdimensionalen Videowall bei seinem Auftritt in Hannover.(Bild: Robert Fröwein)

Der Großmeister regiert vorne in der Bühnenmitte, seine grandiose Band nimmt fast jeden Millimeter Raum ein, weil bei so viel Personal und Instrumentarium kein Platz für anderes bleibt. Chronologisch arbeitet der Soulman das Album ab. Nach einer Botschaft aus dem Off leitet „Love’s In Need Of Love Today“ in den Abend, das direkt darauffolgende „Have A Talk With God“ singt er mit seinem Sohn Mandla Morris und beim atemberaubenden „Vintage Ghetto Land“ verlässt Wonder erstmals seine Keyboards, um in stehender Position live zu singen, während das Streicher-Ensemble mit einer beneidenswerten Akkuratesse durch das Lied führt. Schnell wird klar: Stevie Wonder ist auch im respektablen Alter von 76 Jahren ein Charmeur der alten Schule und hat sein begeistertes Publikum sofort um den Finger gewickelt. Wonder mag seit frühester Kindheit blind sein, aber niemand malt seine Musik mit so viel Leidenschaft und so satten Farben wie er. Das funky-flotte „Contusion“ oder die Spielfreude in den beiden bekannten Top-Songs „Sir Duke“ und „I Wish“ suchen seinesgleichen.

Die klangliche Freiheit atmen
Live bekommen die Songversionen des Originals mehr Luft zum Atmen und können sich noch viel freier entfalten. Die eben genannten Hits in allen Ehren, aber am stärksten klingen Wonder und seine Spießgesellen dann, wenn sie absolute Freiheit verspüren. Erstmals passiert das früh im Set bei „Knocks Me Off My Feet“. Wonder leitet es mit der Melodie des schwäbischen Kulturguts „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus“ ein, aber relativ schnell wird daraus ein Lehrstück in experimenteller Klangkunst, weil die vielen Instrumente gut harmonieren und sich gegenseitig nichts wegnehmen. Stevie greift erstmals an dem Abend zur Mundharmonika und fiedelt frohgemut voran, die Band steigt passend ein und daraus entwickelt sich ein Stück, dass am Ende in ein ausuferndes Crescendo erbricht. Das soll etwas später am Abend so ähnlich bei den Songs „Black Man“, „All Day Sucker“ und „Easy Goin‘ Evening (My Mama’s Call)“ passieren, die der Frontmann insgesamt auf fast 45 Minuten hinausdehnt und die so viele Ideen und Gedanken beinhalten, dass andere Künstler damit alleine eine halbe Karriere füllen könnten.

„Krone“-Redakteur Robert Fröwein war beim epochalen Ereignis live mit dabei.
„Krone“-Redakteur Robert Fröwein war beim epochalen Ereignis live mit dabei.(Bild: Robert Fröwein)

Auch wenn die Show im Großen und Ganzen durchgeplant ist, bleibt immer etwas Raum für Spontanes. So singt er plötzlich Coolios „Gangsta’s Paradise“ an und lässt beim fantastischen „Ordinary Pain“ so viel Soul mitschwingen, dass man sich in eine überdimensionierte Gospel-Kirche verfrachtet fühlt. Wonder changiert meist zwischen seinen beiden Synthesizern hin und her. Brille und Jacke glitzern und der Schalk sitzt ihm im Nacken. Nach rund 75 Minuten und „Ebony Eyes“ gibt es eine 15-minütige Pause bevor es in ein ebenso langes Finale geht, in dem der 25-fache Grammy-Gewinner die dritte und vierte Seite von „Songs In The Key Of Life“ um Besten gibt. Zum Fan-Favoriten „Isn’t She Lovely“ holt er zwei Münchner Kinder auf die Bühne, die ihn Hand in Hand begleiten, während sich Wonder zu seiner einzigen Politansprache hinreißen lässt. Er prangert das unmenschliche Verhalten vieler Staatenlenker an, ohne sie beim Namen zu nennen und fordert mehr Liebe im Leben ein – was natürlich mit johlendem Applaus quittiert wird.

Jeder geht beseelt heim
Je näher man dem großen Finale kommt, umso bombastischer scheinen die Stücke zu werden. Die Fans am Parterre drängt es immer stärker vor an den Bühnenrand, um ein nahes Live-Foto von Wonder machen zu können, während seine fantastische Band mit akkurater Präzision agiert. Einer der beiden Saxofonisten feiert zudem seinen Geburtstag und wird mit einem spontanen Ständchen bedacht. Einmal haut Wonder sogar falsch in die Tasten und entschuldigt sich prompt. Man spürt, dass es hier in jeder Phase menschelt und man den absoluten Gegenpol zu klinisch perfekten und totproduzierten Liveshows erlebt. Bei „As“ werden dann noch einmal die groovigen Tanzmoves ausgepackt und „Another Star“ geht über in eine nicht enden wollende Partyhymne, bei der alle Instrumentalisten noch einmal brillieren können. Einen letzten Song habe er noch, tut Wonder nach fast drei Stunden Vollprogramm kund – selbstverständlich ist es das legendäre „Superstition“, von der Branchenfibel „Rolling Stone“ zu einem der besten Songs aller eiten auserkoren. Wer nach diesem Ereignis nicht beseelt in die beißende Hannover-Herbstkälte tritt, dessen Herz muss aus Stein sein. Die auserwählten Zeitzeugen dieses Abends wissen genau – das werden sie so nie wieder erleben.

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